Jede:r Zweite von uns ist chronisch krank. Sprechen wir darüber. In insgesamt acht Podcastfolgen geht es um die Multiple Sklerose. Wir führen Sie durch jede Phase der Krankheit, damit Sie immer gut informiert sind. Heute in der ersten Folge zum Thema MS wollen wir zunächst darüber sprechen, was das überhaupt für eine Krankheit ist. Wer ist am häufigsten betroffen, wo liegen die Ursachen, was passiert bei MS im Körper? Willkommen beim Podcast Chronisch Mensch.
Transkript der Folge „Was ist Multiple Sklerose?“
Mario D. Richardt: In dieser Episode wollen wir also zunächst einmal klären, was die Multiple Sklerose überhaupt ist. Den Namen dieser Krankheit kennen viele, doch was wirklich dahintersteckt, wissen die wenigsten. Es wird Zeit darüber zu sprechen und das mache ich heute mit Privatdozent Dr. Kai Wohlfarth. Er ist der Chefarzt der Klinik für Neurologie am BG Klinikum Bergmannstrost in Halle. Hallo Dr. Wohlfarth.
Dr. Kai Wohlfarth: Hallo, Herr Richardt.
Mario D. Richardt: Dr. Wohlfarth, weltweit haben rund zweieinhalb Millionen Menschen Multiple Sklerose, wie viele sind denn davon in Deutschland betroffen?
Dr. Kai Wohlfarth: Zweieinhalb Millionen ist ja nur so eine Schätzzahl, die wir haben, in Deutschland haben wir circa 200.000 Betroffene mit Multiple Sklerose, mit steigender Tendenz.
Mario D. Richardt: Das heißt, wie viele kommen jedes Jahr dazu, in etwa?
Dr. Kai Wohlfarth: Es gibt eine Inzidenzangabe, das heißt, das sind die Neuerkrankungen pro Jahr. Die sind angegeben mit ungefähr vier bis acht neuen Fällen auf 100.000 Einwohner pro Jahr. Die zweite Angabe, die wir haben, ist so eine Prävalenzangabe, das heißt, wie viele sind insgesamt betroffen und da sprechen wir in Deutschland eben von circa 200.000 Betroffenen insgesamt.
Mario D. Richardt: Aber das ist wirklich eine Menge.
Dr. Kai Wohlfarth: Ja, es ist eine der häufigsten Erkrankungen, die wir in der Neurologie haben und leider auch eine der Erkrankungen, die die häufigste Ursache einer frühzeitigen Behinderung im jungen Erwachsenenalter darstellt.
Mario D. Richardt: Kann man das prozentual aufteilen auf Frauen und Männer, wer hat das häufiger?
Dr. Kai Wohlfarth: Also es sind deutlich mehr Frauen betroffen. Wir haben circa zweidrittel betroffene Frauen. Das hat auch in den letzten Jahren oder Jahrzehnten noch mal zugenommen. Neuste Studien sagen, das sind also circa zweidrittel, vor allem jüngere Frauen, die betroffen sind. Die Erkrankung beginnt so zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr mit so einem Gipfel, der unter dem 30. Lebensjahr liegt. Und wir haben es ja mit einer Autoimmunerkrankung zu tun und da wissen wir auch, dass Autoimmunerkrankungen insgesamt häufiger bei Frauen auftreten. Dazu gehören eben neben der Multiple Sklerose auch noch der Lupus Erythematodes oder die rheumatoide Arthritis oder die Hashimoto Thyreoiditis, also eine Schilddrüsenentzündung. Das sind Erkrankungen, die auch in den letzten Jahren zugenommen haben und eben deutlich häufiger bei Frauen auftreten als bei Männern.
Mario D. Richardt: Hat man schon herausgefunden, warum es bei Frauen häufiger auftritt?
Dr. Kai Wohlfarth: Also ganz genau ist die Ursache nicht bekannt, es werden verschiedene Faktoren angenommen oder diskutiert. Dazu gehört natürlich die Frau an sich, mit ihren Sexualhormonen, die spielen sicherlich eine Rolle, es spielen Umweltfaktoren eine Rolle, die zum Beispiel umfassen Lebensstilfaktoren, der Raucherstatus, der bei Frauen auch in den letzten Jahren zugenommen hat, das Körpergewicht hat zugenommen, eine ungesunde Ernährung und natürlich weniger Aufenthalt im Freien. Also, dass die jungen Menschen sich häufiger in Innenräumen aufhalten und vielleicht doch mehr mit dem Rechner zu tun haben als wir, die wir früher im Freien gespielt haben, sodass dann auch eine verminderte Sonnenlichtexposition und dann auch eine verminderte Produktion von Vitamin D möglicherweise eine Rolle spielt. Das trifft natürlich auf alle Betroffenen zu, Männer und Frauen, aber das ganz Spezifische bei Frauen liegt wahrscheinlich tatsächlich in den Genen, in den Sexualhormonen. Und wie gesagt, wir finden ja auch bei Frauen häufiger andere Autoimmunerkrankungen. Also die sind insgesamt häufiger bei Frauen.
Mario D. Richardt: Man hat es schon häufig gehört, MS ist die Krankheit der 1.000 Gesicherter. Aber was ist denn die Multiple Sklerose überhaupt?
Dr. Kai Wohlfarth: Die Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche demyelinisierende ZNS-Erkrankung. Da muss man sagen, was ist das Zentralnervensystem? Das besteht überwiegend aus Gehirn und Rückenmark und dort findet ein Entzündungsprozess statt, der die Ursache in einer Autoimmungenese hat, sagen wir als Ärzte dazu. Das heißt, eine Autoimmunerkrankung bedeutet ja per se erst mal eine Erkrankung, wo sich das eigene Immunsystem gegen Strukturen des eigenen Körpers richtet. Das ist bei der Rheumatoid-Arthritis so, da sind es die Gelenke und die Schleimhaut. Das ist bei der Schilddrüse so, da haben wir Antikörper zum Beispiel gegen Schilddrüsenstrukturen und es ist bei der Multiple Sklerose so, da haben wir eben Antikörper gegen Strukturen im Bereich des zentralen Nervensystems, insbesondere gegen die Myelinscheide, sodass es dann in erster Linie dort zu Demyelinisierungsvorgängen kommt aber auch verschiedene Antikörper, die gegen Axone gerichtet sind. Also wir haben dort mittlerweile schon ein breites Bild. Erstmalig beschrieben interessanterweise 1866. Es ist keine Erkrankung, die jetzt gerade in den letzten Jahren entstanden ist, sondern die ist schon vor längerer Zeit erstmalig beschrieben worden.
Mario D. Richardt: Das betrifft immer das komplette Nervensystem?
Dr. Kai Wohlfarth: Das betrifft vorwiegend das Zentralnervensystem mit Gehirn und Rückenmark. Wir finden aber auch, und dazu haben wir mal eine Studie gemacht hier, Bereiche im peripheren Nervensystem, die beeinträchtigt sein können in ihrer Funktion.
Mario D. Richardt: Warum sind dennoch die Symptome so unterschiedlich?
Dr. Kai Wohlfarth: Ja, weil man schlecht vorhersagen kann, wo die Antikörper als Erstes angreifen und deswegen finden wir so einen bunten Blumenstrauß an Symptomen, die ganz vielfältig sind und die natürlich zum Teil auch die Diagnose MS erschweren.
Mario D. Richardt: Wie schnell passiert das? Also ist das ein Prozess, der ganz plötzlich auftritt oder der sich so ganz langsam heranschleicht?
Dr. Kai Wohlfarth: Sowohl als auch, man findet wahrscheinlich auch plötzliche Störungen, die sich natürlich nicht vergleichen lassen mit einem Schlaganfall, aber die können relativ zügig auftreten, wir sagen dazu Schub. Ein erster Schub möglicherweise. Aber es finden sich auch Störungen, die sich allmählich entwickeln, wie Vergesslichkeit im Bereich der Neuropsychologie. Einschränkungen bei der Merkfähigkeit bemerkt man ja nicht immer sofort. Aber Seh-, Gefühlsstörungen oder auch Lähmungen, die werden relativ rasch bemerkt. Das heißt da würde ich sagen, ist es eher frisch und akut oder subakut, währenddessen andere Phänomene sich erst im weiteren Verlauf bemerkbar machen.
Mario D. Richardt: Kann es auch passieren, dass die ersten Symptome auftreten, man nimmt sie vielleicht gar nicht so als starke Symptome wahr, auch der Arzt kann es erst mal gar nicht so feststellen, dass es MS ist, und dann ist ein paar Jahre Ruhe und dann geht es erst richtig los?
Dr. Kai Wohlfarth: Ganz sicher ist das so, dass wir bei der Mehrzahl der Betroffenen einen schubförmigen Start haben, also es geht bei circa 85 Prozent los mit Schüben. Das kann ein Schub pro Jahr sein oder ein Schub in zwei Jahren oder auch noch seltener, sodass die Diagnose schon, gerade wenn man dann zum Hausarzt geht, nicht so einfach erscheint. Also wir haben eine Vielzahl an Symptomen, die auch auf andere Krankheiten hindeuten können, sodass eigentlich erst die Diagnose nach circa zwei, drei oder vier Jahren sicher gestellt werden kann und da ist schon ein bisschen Zeit vergangen bei den Betroffenen.
Mario D. Richardt: Wenn man zu dem Thema recherchiert, dann kommt man ganz schnell auch drauf, dass auch das Epstein-Barr-Virus der Auslöser sein könnte. Das ist also der Auslöser auch des Pfeiffersches Drüsenfiebers. Was ist da dran?
Dr. Kai Wohlfarth: Ja, also in den letzten Jahren gesichert worden ist, dass das Epstein-Barr-Virus, als Auslöser des Pfeiffersches Drüsenfiebers, was man in der Jugend ja eigentlich erwirbt, Auslöser für eine MS-Erkrankung sein kann. Es gibt natürlich auch andere Viren, die angeschuldigt werden, neben dem Epstein-Barr-Virus, Herpesviren zum Beispiel, aber auch Bakterien, die möglicherweise auch die MS-Erkrankung injizieren können, aber allein die Virusinfektion reicht da nicht aus. Es gibt ja eine sehr hohe Durchseuchungsrate mit dem Epstein-Barr-Virus, also allein das Virus anzuschuldigen wäre ja nicht korrekt, sondern es ist ein Mosaik Bestandteil oder ein Baustein für die Entstehung einer Multiplen Sklerose. Neben dem bereits Genannten, wie Umweltfaktoren, die wir haben, es ist doch schon ein großer Prozentsatz an Umweltfaktoren, der dort eine Rolle spielt, wir finden also zu circa 70 Prozent Umweltfaktoren als Ursache, so zumindest die Annahme, trägt zu 30 Prozent die Genetik dazu bei. Und das muss natürlich bei so einer multifaktoriellen Erkrankung alles dann zusammenpassen, bevor es dann tatsächlich zum Erkrankungsschub oder zum Erkrankungsstart kommt.
Mario D. Richardt: Man muss also keine Angst haben, dass man irgendwann man Pfeiffersches Drüsenfieber hatte, dass man dann zwangsläufig irgendwann auch an MS erkrankt?
Dr. Kai Wohlfarth: Nein, ganz sicher nicht, weil die Durchseuchungsrate ist schon sehr hoch beim Pfeifferschen Drüsenfieber.
Mario D. Richardt: Über 80 Prozent oder so, oder
Dr. Kai Wohlfarth: Ja, 80 bis 90 Prozent. Das heißt, es haben 80, 90 Prozent in ihrer Jugend das Pfeiffersche Drüsenfieber mal durchgemacht, zum Teil auch, ohne dass es zu Erkrankung gekommen ist. Also das kann ja auch asymptomatisch sein, ähnlich wie beim Coronavirus. Und wir finden auch viele asymptomatische Verläufe. Man weiß es gar nicht, dass man die Erkrankung oder die Infektion durchgemacht hat, weil man eben keine Erkrankungsbeschwerden beziehungsweise Symptome hatte. Man kann dann also nicht sagen, in der Jugend haben, ist die Durchseuchungsrate sehr hoch, 80 bis 90 Prozent und alle entwickeln letztendlich die Multiple Sklerose. Das ist ja nur ein Teil der Wahrheit. Also wie gesagt, das Pfeiffersche Drüsenfieber, die Epstein-Barr-Virus-Infektion, ist geeignet zumindest in dem Zusammenspiel, im Konzert mit allen anderen Faktoren, dann später im jungen Erwachsenenalter eine MS auszulösen. Aber eben nicht allein.
Mario D. Richardt: Kann man sich denn irgendwie vor der Krankheit schützen präventiv?
Dr. Kai Wohlfarth: Ja, wenn wir sagen, wir haben zu circa 70 Prozent Umweltfaktoren, die dort eine Rolle spielen, kann man sich zwar nicht schützen, aber man kann ja zumindest versuchen Risikofaktoren auszuschließen. Dazu gehören Lebensstilfaktoren, die Üblichen, die auch bei allen anderen Erkrankungen vom Schlaganfall bis zur Krebserkrankung eine Rolle spielen, das heißt gesunde Ernährung, ungesättigte Fettsäuren oder Probiotika, ausreichend Bewegung an frischer Luft, sodass es zum Beispiel nicht zu einem Vitamin-D-Mangel kommt, Körpergewicht reduzieren, sportliche Aktivitäten. Das sind, glaube ich, so die wesentlichen Dinge. Natürlich kann man auch andere Einflüsse reduzieren oder behandelbare Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, die man mittlerweile ja relativ gut behandeln kann. Das gehört natürlich auch dazu. Ergänzend ist vielleicht noch, dass, das Auftreten einer MS, die Prävalenz oder Inzidenz, abhängig vom Breitengrad ist. Das ist für uns ganz spannend als Neurowissenschaftler, da wir sehen, dass in den nördlichen und südlichen Breiten, je weiter man sich vom Äquator entfernt, die Prävalenz oder Inzidenz zunimmt. Also müssen auch solche Klima- oder Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Und bis zum 15. Lebensjahr nimmt man das Risiko sozusagen mit. Also wenn man dort im Bereich des Äquators geboren ist und zieht, dann mit 18 erst um, dann würde man das dortige Risiko mitnehmen und das ist ja deutlich geringer. Zieht man nach dem 15. Lebensjahr um, dann würde man zum Beispiel dann das Risiko an einer MS zu erkranken im Zielgebiet annehmen. Also obwohl das 15. Lebensjahr so relativ unspezifisch ist, wahrscheinlich ist es der Bereich um die Pubertät, glaube ich, spielt das eine ganz entscheidende Rolle.
Mario D. Richardt: Das klingt ja hoch spannend.
Dr. Kai Wohlfarth: Ja, natürlich ist auch die Melderate sehr unterschiedlich. Man muss ja sagen, dass gerade so Äquator-nah man vielleicht über die Inzidenz oder Prävalenz oder das Auftreten an sich von MS-Patienten wenig sagen kann. Aber trotzdem gehen wir davon aus, dass je weiter wir uns vom Äquator entfernen, die Häufigkeit steigt, sich eine MS zuzuziehen.
Mario D. Richardt: Nun haben Sie gesagt, es betrifft vorwiegend jüngere Frauen. Wenn man jetzt ein Mann ist, der 60 ist, ist der komplett raus? Muss der keine Angst mehr haben?
Dr. Kai Wohlfarth: Ja, das sind ja immer nur so Angaben, die statistisch eine gewisse Rolle spielen. Natürlich kann man auch mit 60 noch eine Multiple Sklerose kriegen, auch als Mann, obwohl insgesamt natürlich, ich würde nicht sagen, dass man raus ist, die Wahrscheinlichkeit ist schon äußerst gering.
Mario D. Richardt: Dafür kommen dann die anderen Krankheiten, Prostata und Co.
Dr. Kai Wohlfarth: Es gibt ja noch andere Erkrankungen, die Männer sich zuziehen können, das ist richtig. Interessant ist natürlich auch noch mal, dass man gerade bei Kindern und Jugendlichen guckt und da hat die MS Inzidenz in den letzten Jahren gerade in diesem Bereich zugenommen. Also wir haben ja zwei bis zehn Prozent unter 18 Jahre alte Betroffene. Und das ist eigentlich das.
Mario D. Richardt: Wow.
Dr. Kai Wohlfarth: Was uns auch erschreckt, ist, dass eben das Alter bei Erstdiagnosestellung abnimmt. Daneben haben wir ja gesagt, hat die Häufigkeit des Auftretens sich in den letzten Jahrzehnten auch verdoppelt. Also es ist eine Erkrankung, die deutlich häufiger vorkommt und auch bei jüngeren Menschen vermehrt vorkommt und bevorzugt, das hat sich dann noch mal als Schwerpunkt herausgestellt, eben bei Frauen.
Mario D. Richardt: Ganz wichtige Frage vielleicht noch, für das Ende dieser ersten Folge, ist die MS heilbar? Also hat man irgendwann die Chance, dass man sagen kann, es ist vorbei, ich bin therapiert? Es ist alles wieder gut.
Dr. Kai Wohlfarth: Solange wir nicht ganz genau wissen, wie es dazu kommt, dass eine MS entsteht, können wir natürlich auch nicht ursächlich eingreifen. Das ist anders als beim Knochenbruch, wir sehen, da ist der Knochen gebrochen, dann kann man das schienen, dann wächst das auch wieder zusammen. Das ist bei der Multiplen Sklerose nicht so. Das sind einfach viel zu viele Faktoren, die noch unbekannt sind. Wir sind schon deutlich weiter als noch vor Jahrzehnten und haben schon eine gewisse Vorstellung von der Pathogenese, dadurch haben wir natürlich auch Möglichkeiten den Krankheitsverlauf durch Medikamente oder auch durch Lebensstilfaktoren positiv zu beeinflussen, aber heilbar ist es im Moment noch nicht.
Mario D. Richardt: Dann vielen Dank für diese Erkenntnisse, Dr. Wohlfarth.
Dr. Kai Wohlfarth: Vielen Dank für die erste Runde.
