Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf und spüren plötzlich unerklärliche Schmerzen. Für Menschen mit Multiple Sklerose (MS) ist dies oft Realität. MS ist eine chronische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft und zu einer Vielzahl von Symptomen führen kann. Besonders herausfordernd sind die unterschiedlichen Schmerzarten, die mit der Krankheit einhergehen. In diesem Artikel finden Sie einen umfassenden Überblick über die Ursachen und Arten von Schmerzen bei MS sowie Wege, wie Betroffene mit ihnen umgehen können. 

Das Wichtigste in Kürze 

  • Schmerzen bei Multipler Sklerose (MS) entstehen durch Schädigungen der Nerven, die zu Entzündungen und fehlerhaften Nervenimpulsen führen.  
  • Neuropathische Schmerzen sind brennende oder stechende Schmerzen, die durch direkte Nervenschäden verursacht werden.  
  • Nozizeptive Schmerzen, wie mechanische Schmerzen und spastizitätsbedingte Schmerzen, resultieren aus körperlicher Überlastung, Fehlhaltungen oder Muskelkrämpfen.  
  • Druckschmerzen entstehen durch längere Inaktivität und Kopfschmerzen durch Entzündungen und Nervenschädigungen. 
  • Auch Medikamente zur MS-Behandlung können Schmerzen verursachen, wie grippeähnliche Symptome und Schmerzen an der Injektionsstelle. 

Wie entstehen Schmerzen bei MS? 

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem irrtümlicherweise das eigene Nervengewebe angreift. Die schützende Myelinschicht um die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark wird beschädigt oder zerstört. Diese Schädigung führt zu Entzündungen und einer Unterbrechung der Nervenimpulse, was eine Vielzahl von Symptomen verursachen kann, einschließlich Schmerzen. 

Die Hauptursache von MS, der Verlust der Myelinschicht, auch Demyelinisierung genannt, hat zur Folge, dass die Nerven ihre Signale nicht mehr effizient weiterleiten können. Dies kann zu einer fehlerhaften oder übermäßigen Aktivierung der Nerven führen, was in Form von Schmerzen, Kribbeln oder Taubheitsgefühlen spürbar wird. Zudem können Entzündungen und die daraus resultierenden Schwellungen der Nervenbahnen ebenfalls Schmerzen verursachen. 

  • Schmerzen bei MS: Reizweiterleitung bei gesunden Nerven
  • Schmerzen bei MS: Reizweiterleitung bei geschädigten Nerven

Es gibt verschiedene Arten von Schmerzen bei MS, die sich grob in vier Kategorien einteilen lassen: neuropathische Schmerzen, spastische Schmerzen, nozizeptive Schmerzen und Schmerzen durch eine medikamentöse Therapie von MS. 

Neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen) bei Multipler Sklerose 

Neuropathische Schmerzen entstehen durch direkte Schäden oder Funktionsstörungen der Nerven. Sie sind oft das Ergebnis der Demyelinisierung und der damit verbundenen Entzündungen bei MS. Diese Schmerzen können als brennend, stechend oder scharf empfunden werden und sind in der Regel chronisch: 

  • Dysästhetische Schmerzen: Diese brennenden, stechenden oder scharfen Schmerzen entstehen durch dauerhafte Nervenschäden. Sie treten häufig in den Gliedmaßen auf und sind oft chronisch. Dysästhetische Schmerzen können durch Berührung, Bewegung oder sogar in Ruhe auftreten. 

  • Lhermitte-Zeichen: Das Lhermitte-Zeichen ist ein elektrischer Schlag entlang der Wirbelsäule, der in die Gliedmaßen ausstrahlen kann. Es ist ein kurzes Schmerzgefühl, das beim Beugen des Nackens auftritt und in andere Bereiche des Körpers ausstrahlt. Diese Schmerzen können sowohl während eines MS-Schubs als auch chronisch auftreten. Ein Schub ist eine Phase, in der die Symptome der MS verstärkt und intensiver auftreten. Lesen Sie hier weiter, wie Sie einen MS-Schub erkennen können. 

  • Trigeminusneuralgie: Gesichtsneuralgien, auch als Trigeminusneuralgie bekannt, sind plötzliche, heftige Schmerzen im Gesicht, die oft wie elektrische Schläge empfunden werden. Diese Schmerzen werden durch eine Reizung oder Schädigung des Trigeminusnervs, der für die Sensibilität des Gesichts verantwortlich ist, verursacht. Neuralgien allgemein sind Nervenschmerzen, die durch eine Schädigung oder Fehlfunktion der Nerven entstehen und können verschiedene Körperbereiche betreffen. Sie äußern sich oft durch blitzartige, stechende oder brennende Schmerzen und können spontan oder bei bestimmten Reizen auftreten. Diese Gesichtsschmerzen betreffen etwa 4-6 % der Menschen mit MS. 

Nozizeptive Schmerzen bei Multipler Sklerose 

Neben den häufigeren neuropathischen Schmerzen können auch nozizeptive Schmerzen auftreten. Diese entstehen durch die Aktivierung von Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) und sind oft mit körperlicher Überlastung, Fehlhaltungen oder anderen mechanischen Ursachen verbunden. Nozizeptive Schmerzen sind solche, die durch eine Gewebeschädigung oder Entzündung entstehen. Bei MS können diese Schmerzen durch sekundäre Probleme wie Bewegungsmangel oder muskuläre Ungleichgewichte verursacht werden: 

  • Schmerzen durch Bewegungsmangel: Bewegungsmangel oder andere sekundäre Probleme wie Gelenkschmerzen sind häufig chronisch. Diese Schmerzen entstehen oft durch eine verminderte Aktivität aufgrund der Krankheitssymptome. Regelmäßige Bewegung und spezielle Übungen sind hier entscheidend, um die Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu erhalten. 

  • Muskuloskelettale Schmerzen: Diese Schmerzen betreffen Muskeln, Knochen, Gelenke und Bindegewebe und können durch Haltungsprobleme oder Überlastungen entstehen. Regelmäßige Bewegungstherapien und gezielte Übungen können helfen, diese Schmerzen zu lindern und die Mobilität zu verbessern. 

  • Druckschmerzen: Durch die verminderten Bewegungsmöglichkeiten und länger anhaltende Ruhephasen können Druckschmerzen entstehen, die sich häufig an den Gelenken oder am Rücken bemerkbar machen. Diese Schmerzen können durch regelmäßige Positionswechsel und unterstützende Lagerungstechniken reduziert werden. 

Spastiken bei Multipler Sklerose 

Etwa 85 % der Menschen mit MS entwickeln im Laufe ihrer Erkrankung spastische Symptome. Als eine Spastik bezeichnet man eine erhöhte Muskelspannung und unkontrollierte Muskelkrämpfe, die durch Schädigungen der Nervenbahnen im Gehirn und Rückenmark entstehen. Bei Multipler Sklerose (MS) führt diese Nervenschädigung zu einer Fehlsteuerung der Signale, was Spastiken verursacht. Häufig betroffen sind die Bein- und Rückenmuskeln, wobei die Schmerzen als ziehend oder brennend beschrieben werden.  

Kopfschmerzen bei Multipler Sklerose 

Kopfschmerzen bei Multipler Sklerose (MS) entstehen häufig aufgrund der Entzündungen und Läsionen im zentralen Nervensystem, die typische Symptome der Erkrankung sind. Diese Nervenschädigungen können die Schmerzrezeptoren direkt reizen oder indirekt durch Muskelverspannungen und Fehlhaltungen zu Kopfschmerzen führen.  

Gut zu wissen

Kopfschmerzen bei MS können verschiedene Formen annehmen, darunter Spannungskopfschmerzen, Migräne und die oben genannte Trigeminusneuralgie. Migräne tritt beispielsweise bei jeder dritten Person mit MS auf und ist damit zwei- bis dreimal häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Die genaue Einordnung der Kopfschmerzen ist dabei für die Behandlung essenziell. Erfahren Sie hier mehr über die verschiedenen Kopfschmerzarten, ihre Trigger, Ursachen und Behandlung. 

Schmerzen durch die medikamentöse Therapie 

Neben den direkten Folgen der MS können auch die zur Behandlung eingesetzten Medikamente Schmerzen verursachen. Diese Nebenwirkungen sind oft vorübergehend, aber sie können trotzdem belastend sein: 

  • Grippeähnliche Symptome: Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS eingesetzt werden, wie Interferone, können grippeähnliche Symptome verursachen. Diese beinhalten Fieber, Schüttelfrost, Muskel- und Gelenkschmerzen und können besonders in den ersten Wochen der Behandlung auftreten.  

  • Kopfschmerzen: Kopfschmerzen sind eine häufige Nebenwirkung von MS-Medikamenten. Diese Kopfschmerzen können variieren von mild bis schwer und sind oft vorübergehend.  

  • Schmerzen an der Injektionsstelle: Menschen, die sich MS-Medikamente selbst injizieren, können Schmerzen an der Injektionsstelle erfahren. Diese Schmerzen sind oft auf die Technik des Injektionsvorgangs oder auf eine Reaktion des Gewebes auf das Medikament zurückzuführen. Etwa 30-40 % der Personen erleben solche Schmerzen, die jedoch durch richtige Technik und Rotation der Injektionsstellen minimiert werden können. 

Tipps zum Umgang mit Schmerzen bei MS 

Der Umgang mit Schmerzen bei Multipler Sklerose kann herausfordernd sein, aber es gibt viele Strategien, die helfen können, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Hier sind einige Tipps, die Betroffenen im Alltag helfen können: 

  • Aktiv bleiben: Regelmäßige Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil im Umgang mit Schmerzen bei Multipler Sklerose. Leichte Aktivitäten wie Spaziergänge, Schwimmen oder spezielle Übungen können helfen, die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu erhalten und Schmerzen zu lindern. Ein individuell angepasstes Trainingsprogramm, idealerweise unter Anleitung von erfahrenen Physiotherapeut:innen, kann besonders wirkungsvoll sein. 

  • Entspannungstechniken: Methoden wie Yoga, Meditation und Atemübungen können helfen, Stress abzubauen und die Schmerzempfindung zu reduzieren. Entspannungstechniken fördern die Durchblutung, senken den Muskeltonus und können eine beruhigende Wirkung auf das Nervensystem haben. Es lohnt sich, verschiedene Techniken auszuprobieren, um herauszufinden, welche am besten passt. 

  • Schlafhygiene: Ausreichender und erholsamer Schlaf ist entscheidend, da Schlafmangel die Schmerzempfindung verstärken kann. Achten Sie darauf, eine regelmäßige Schlafroutine einzuhalten, ein angenehmes Schlafumfeld zu schaffen und abends entspannende Rituale einzuführen. Vermeiden Sie Koffein und schwere Mahlzeiten kurz vor dem Schlafengehen. 

  • Geeignete Schmerzmittel: Es ist wichtig, dass Betroffene mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin geeignete Schmerzmittel besprechen und ihnen mitteilen, welche Art von Schmerzen sie haben. Unser pharmazeutisches Personal kann Ihnen auch bei der Auswahl rezeptfreier Schmerzmittel helfen und Sie beraten – per Telefon, E-Mail, Live-Chat oder Videosprechstunde.  

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Louisa Löwe, pharmazeutische Expertin

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