Im Krankheitsverlauf von Multipler Sklerose (MS) können viele verschiedene Symptome auftreten. Bei allen Menschen mit MS sind Art und Ausprägung der Beschwerden individuell verschieden. Welche Krankheitssymptome auftreten und wie sich diese zeigen, ist abhängig von Lokalisation und Anzahl der Entzündungsherde im zentralen Nervensystem (ZNS) sowie der Verlaufsform. Keine MS gleicht der anderen. Dennoch gibt es Symptome, die bei einem Großteil der Menschen mit MS häufig auftreten. Erfahren Sie hier, welche Symptome bei Multipler Sklerose im Krankheitsverlauf typisch sind.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Erkrankung Multiple Sklerose äußert sich auf sehr vielfältige Weise und individuell verschieden.
  • Die Vielfalt der Symptome ist abhängig davon, wo und in welcher Anzahl die Schädigungen im zentralen Nervensystem auftreten und wie die Erkrankung verläuft.
  • Typische Symptome bei MS sind u. a. Fatigue, Sensibilitätsstörungen, Sprechstörungen, Sehstörungen, kognitive Störungen, Koordinations- und Bewegungsstörungen, Störungen der Blasen- und Darmfunktion, Schmerzen, Schlaf- und Sexualstörungen.
  • Häufig vergehen mehrere Monate oder Jahre bis zur zweifelsfreien MS-Diagnose.

Verlauf und Phasen auf einen Blick

Phase 1: Frühe Phase

Oft unspezifische Symptome

  • Fatigue
  • Sensibilitätsstörungen
  • Sehstörungen

Phase 2: Schubförmiger Verlauf (bei RRMS)

Schub → Remission (teilweise oder vollständige Rückbildung) → Schub (wiederkehrend)

  • Sehstörungen
  • Sensibilitätsstörungen
  • Bewegungsstörungen

Phase 3: Zwischenphase

Restbeschwerden möglich (Residualsymptome); oft keine vollständige Rückbildung

  • Koordinationsstörungen
  • Blasenstörungen
  • Darmstörungen

Phase 4: Progrediente Phase (bei PPMS & SPMS)

Schleichende Verschlechterung; Zunahme von Einschränkungen

  • Gangstörungen
  • Spastik
  • Koordinationsstörungen

Unsichtbare Symptome (alle Phasen)

  • Fatigue
  • Kognitive Störungen
  • Schmerzen
  • Depressionen
  • Sexualstörungen

Der Verlauf der Multiplen Sklerose ist individuell unterschiedlich und abhängig von der Verlaufsform (RRMS = schubförmig remittierend, PPMS = primär progredient, SPMS = sekundär progredient). Die dargestellten Phasen können sich überlappen und sind nicht eindeutig voneinander abgrenzbar.

Verlauf und Phasen bei Multipler Sklerose.

Vielfältige Symptome im Krankheitsverlauf von Multipler Sklerose

Multiple Sklerose wird in der Neurologie auch als das „Chamäleon“ oder „die Krankheit mit 1000 Gesichtern“ bezeichnet. Eine MS-Erkrankung verläuft von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Die Symptome bei Multipler Sklerose entstehen aufgrund von Schädigungen der Nervenisolierschicht Myelin (Demyelinisierung) sowie des Abbaus von Nervenfasern und -zellen. Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die Schäden am Zentralnervensystem (ZNS), also an Gehirn und Rückenmark, verursacht.

  • Reizweiterleitung bei gesunden Nerven
  • Reizweiterleitung bei kranken Nerven

Bei Multipler Sklerose verwechselt das Immunsystem die Myelinscheiden, die die Nervenfasern umgeben und schützen, mit körperfremden Substanzen. Um sie unschädlich zu machen, ruft es Entzündungsreaktionen hervor, die die Myelinscheiden beschädigen und zerstören. Die Nervenfasern liegen dadurch teilweise frei, womit ihnen der Schutz gegenüber äußeren Einflüssen fehlt. Zugleich ist ihre Fähigkeit zur Reizweiterleitung durch die Demyelinisierung eingeschränkt.

Typische MS-Symptome und Krankheitsverlauf

Welche Symptome die Multiple Sklerose im Krankheitsverlauf hervorruft, ist abhängig davon, an welchen Stellen es im ZNS zu Schädigungen gekommen ist. Aufgrund der vielfältigen Aufgaben des ZNS ist das Spektrum möglicher Beschwerden groß. Dazu zählen Müdigkeit und rasche Erschöpfung, kognitive Störungen, Empfindungsstörungen, Sehstörungen und Bewegungsstörungen. Die Symptome einer Multiplen Sklerose im Krankheitsverlauf sind sehr individuell, wie auch der Krankheitsverlauf selbst. Der Verlauf der MS ist meist durch Schubaktivitäten gekennzeichnet, wobei sich die Symptome zwischen den Schüben ganz oder teilweise zurückbilden. Bei anderen Menschen mit MS können sich die Beschwerden hingegen von Beginn an nach und nach verschlechtern.

Je nach Krankheitsverlauf werden verschiedene Formen der MS unterschieden. Bei einer schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose (relapsing-remitting MS, RRMS), der häufigsten Form, tritt die Erkrankung in Schüben auf. Charakteristisch für diese Verlaufsform sind Phasen, in denen sich Symptome verschlimmern (Schübe), gefolgt von sogenannten Remissionen, also Intervallen, in denen sich die Beschwerden vorübergehend zurückbilden. Neben der RRMS werden noch weitere Formen unterschieden, darunter die primär progrediente MS (PPMS) und die sekundär progrediente MS (SPMS). Wie Sie einen MS-Schub richtig erkennen, erfahren Sie hier.

Im Folgenden haben wir Ihnen eine Übersicht über die häufigsten Symptome von Multipler Sklerose im Krankheitsverlauf zusammengestellt.

Symptome bei multipler Sklerose

Fatigue

Fatigue bezeichnet eine übermäßige Müdigkeit, rasche Erschöpfung sowie einen allgemeinen Mangel an Energie. Es gilt als ein weit verbreitetes Symptom von Multipler Sklerose: Mehr als die Hälfte der Menschen mit MS sind davon betroffen. Stress und hohe Temperaturen können die Symptome verstärken.

Sensibilitätsstörungen bzw. Empfindungsstörungen

Als Sensibilitätsstörungen (Empfindungsstörungen) werden verschiedene Störungen der Wahrnehmung körperlicher Reize zusammengefasst. Bei Multipler Sklerose äußern sich diese zum Beispiel in Form von

  • Taubheitsgefühlen,
  • Kribbeln oder Brennen in Armen und Beinen,
  • einem Panzergefühl oder
  • gestörter Temperaturwahrnehmung.

Auch das Lhermitte-Zeichen (positives Nackenbeugezeichen) gehört zu den Sensibilitätsstörungen.

Gut zu wissen

Das sogenannte Lhermitte-Zeichen ist eine typische Sensibilitätsstörung bei Multipler Sklerose. Betroffene beschreiben dabei ein kurzes, elektrisierendes Gefühl entlang der Wirbelsäule, das in Arme oder Beine ausstrahlen kann. Ausgelöst wird es meist durch das Beugen des Kopfes nach vorne. Ursache sind Reizleitungsstörungen im Zentralnervensystem, insbesondere im Bereich der Halswirbelsäule.

Sehstörungen

Sehstörungen sind bei Multipler Sklerose weit verbreitet: Rund drei Viertel der Menschen mit MS leiden im Verlauf ihrer Erkrankung zumindest zeitweise daran. Beschwerden wie verschwommenes Sehen, Doppelbilder oder eine gestörte Farbwahrnehmung können infolge von Entzündungen des Sehnervs auftreten, aber z. B. auch durch Schäden an den Nerven, die die Muskulatur des Auges steuern.

Kognitive Störungen

Zur Kognition zählen alle Prozesse der Wahrnehmung und des Denkens, darunter Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnis und exekutive Fähigkeiten. Bei rund einem Viertel der Menschen mit Multipler Sklerose sind diese und weitere kognitive Fähigkeiten beeinträchtigt.

Koordinationsstörungen und Bewegungsstörungen

Sind bei MS Nerven betroffen, die Signale an die Muskeln weiterleiten, können Koordinationsstörungen und Bewegungsstörungen die Folge sein. Bei MS verbreitet sind z. B.

  • Ataxie (Störungen der Bewegungskoordination),
  • Spastiken (erhöhte Muskelspannung),
  • Tremor (Zittern) und
  • Lähmungen.

Stress, Schmerzen und weitere Faktoren können die Symptome verschlimmern.

Störungen der Blasen- und Darmfunktion

Schätzungen zufolge leiden rund drei Viertel der Menschen mit Multipler Sklerose im Verlauf ihrer Erkrankung an Funktionsstörungen der Blase wie Harninkontinenz und einer Harnabsatzstörung. Bei rund 40 bis 70 Prozent der Menschen mit MS kommt es zu Störungen der Darmfunktion wie Verstopfung oder Stuhlinkontinenz. Diese Symptome werden aber aus Scham oft verschwiegen. Jedoch sollte dies kein Tabuthema sein. Nur wenn die Beschwerden offen angesprochen werden, kann eine geeignete Therapie eingeleitet werden.

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Schmerzen

Schmerzen bei Multipler Sklerose können sowohl als eigenständiges Symptom (z. B. schmerzhafte Sensibilitätsstörungen, MS-Trigeminusneuralgie oder Lhermitte-Zeichen) aber auch als Folge anderer Symptome (z. B. Muskelschmerzen aufgrund einer Spastik) auftreten. Die Behandlung ist dabei abhängig von den jeweiligen Ursachen.

Depressionen

Etwa die Hälfte aller Menschen mit MS leidet an Depressionen oder erlebt im Krankheitsverlauf Phasen depressiver Verstimmungen. Häufige Symptome von Betroffenen sind:

  • Gefühlslosigkeit
  • Hoffnungslosigkeit
  • Traurigkeit
  • Interessenverlust
  • Selbstzweifel
  • Antriebsmangel
  • Schnelle Ermüdung

Auch Appetitsverlust oder Schlafstörungen können auftreten.

Sprech- und Schluckstörungen

Etwa die Hälfte aller Menschen mit Multipler Sklerose haben Schwierigkeiten mit dem Sprechen, weil z. B. die Steuerung der Gesichtsmuskulatur beeinträchtigt ist. Die Beeinträchtigungen äußern sich in Form von undeutlicher, schleppender Aussprache, Veränderungen von Lautstärke und Sprachmelodie sowie ungewöhnlichen Pausen beim Sprechen. Die geistigen Fähigkeiten und das Sprachverständnis sind davon nicht direkt betroffen, können aber unabhängig als Symptom einer Multiplen Sklerose auftreten.

Bei rund einem Drittel der Menschen mit MS ist zudem die Fähigkeit, zu schlucken, beeinträchtigt. Dies erschwert nicht nur das Essen und Trinken, sondern führt auch dazu, dass sich Betroffene häufig verschlucken. Oft ist zudem der Hustenreflex gestört. Dadurch besteht die Gefahr, dass Fremdkörper und Flüssigkeiten in die Atemwege gelangen.

Schlafstörungen

Rund drei Viertel aller Menschen mit MS berichten von Ein- und Durchschlafproblemen. Die Gründe dafür können verschieden sein. Mögliche Ursachen sind eine Blasenstörung, Schmerzen, das Restless-Legs-Syndrom (RLS, „unruhige Beine“) oder psychische Erkrankungen wie eine Depression. Auch Fatigue kann zu Schlafstörungen führen und wird durch Schlafmangel wiederum verstärkt.

Sexualstörungen

Etwa die Hälfte der Frauen mit MS und rund drei Viertel der Männer mit MS leiden unter Störungen der Sexualität. Die Ursachen können etwa eine Sensibilitätsstörung der Genitalien, Erektionsstörungen oder Scheidentrockenheit sein. Aber auch Muskelschwäche, Inkontinenz oder das Gefühl, nicht mehr attraktiv zu sein, können die Sexualität negativ beeinflussen.

Potenzstörungen können relativ frühzeitig auftreten. Es ist eines dieser Symptome, die “unsichtbar” bleiben, wie auch Blasen- und Mastdarmstörungen. Solche Symptome sind Betroffenen oft unangenehm und werden vom Hausarzt nicht immer angesprochen. […] Es sollte auf jeden Fall zu einer guten Befunderhebung und Anamnese gehören, auch nach diesen Störungsbildern zu fragen.

– Dr. Kai Wohlfahrt, Chefarzt der Neurologie am BG Klinikum Bergmannstrost Halle

Eine frühzeitige ärztliche Untersuchung ist bei solchen Symptomen ratsam, um die individuellen Therapieoptionen optimal abzustimmen.

Weitere Symptome

Deutlich seltener treten Symptome bei Multipler Sklerose im Krankheitsverlauf paroxysmal, d. h. anfallsartig, auf. Beispiele hierfür sind die MS-bedingte Trigeminusneuralgie, das Lhermitte-Zeichen und das Uhthoff-Phänomen. Typisch für diese Beschwerden ist, dass diese im Vergleich zu anderen MS-Symptomen meist nur wenige Sekunden bis Minuten andauern und von allein abklingen. Die Auslöser können vielfältig sein, z. B. bestimmte Bewegungen sowie heißes oder kaltes Essen.

Gut zu wissen

  • Bei einer Trigeminusneuralgie kommt es zu anfallsartigen Gesichtsschmerzen, die meist nur Sekunden bis Minuten andauern, aber sehr intensiv sein können. Auslöser können bereits leichte Reize wie Berührung, Sprechen oder Kauen sein.

  • Das Lhermitte-Zeichen beschreibt einen blitzartigen, schnell abklingenden Schmerz, wenn das Kinn auf die Brust gelegt wird. Betroffene vergleichen den Schmerz oft mit einem elektrischen Schlag.

  • Beim Uhthoff-Phänomen kommt es zu einer vorübergehenden Verstärkung von MS-Symptomen durch erhöhte Körpertemperatur, etwa bei Hitze, Fieber oder körperlicher Anstrengung. Ursache ist eine beeinträchtigte Reizweiterleitung in geschädigten Nerven. Sobald die Körpertemperatur wieder sinkt, bilden sich die Symptome in der Regel vollständig zurück.

Verhältnismäßig selten, jedoch im Vergleich zur Gesamtbevölkerung fast doppelt so häufig, tritt eine MS-Erkrankung zusammen mit Epilepsie auf (Komorbidität). Hiervon betroffen sind ca. 1,6 Prozent aller Menschen mit MS. Bei einem epileptischen Anfall entladen sich viele Nervenzellen des ZNS gleichzeitig – zu den möglichen Folgen gehören Absence (Abwesenheit), Bewusstlosigkeit und Krämpfe.

Unsichtbare Multiple Sklerose-Symptome im Krankheitsverlauf erkennen und reagieren

Viele Symptome von Multipler Sklerose sind unsichtbar, z. B. Fatigue, kognitive Störungen, Sehstörungen, Sprechstörungen, Schmerzen und Sensibilitätsstörungen. Oft werden diese Symptome nicht als solche wahrgenommen und bleiben unbehandelt. Außenstehende begegnen diesen nicht sichtbaren Beschwerden zudem oft mit Unverständnis und Ablehnung.

Gut zu wissen

Da gerade in der Frühphase von Multipler Sklerose die Symptome sehr unspezifisch sind und so auch leicht übersehen bzw. anderen Krankheitsbildern zugeschrieben werden können, vergehen nicht selten Monate bis Jahre, ehe die Diagnose MS gestellt werden kann. Dank der Diagnosekriterien nach McDonald kann eine MS-Erkrankung immer früher diagnostiziert werden.

Häufige Fragen zu Symptomen bei Multipler Sklerose

Häufige Frühwarnzeichen sind Sehstörungen wie Verschwommensehen oder Augenschmerzen sowie Empfindungsstörungen in den Extremitäten (Kribbeln, Taubheit). Auch eine unerklärliche Fatigue oder leichte Gangunsicherheiten können erste Hinweise auf eine entzündliche Aktivität im Nervensystem sein.

Bei der schubförmig remittierenden MS (RRMS) bilden sich Symptome nach einem Schub oft weitgehend oder vollständig zurück. Mit fortschreitender Krankheitsdauer oder bei primär progredienten Verläufen (PPMS) können jedoch bleibende Einschränkungen entstehen, wenn die Regenerationsfähigkeit des Myelins abnimmt.

Viele Betroffene erleben bei Hitze oder Fieber eine vorübergehende Verschlechterung ihrer Symptome, das sogenannte Uhthoff-Phänomen. Dies ist kein neuer Krankheitsschub, sondern eine temperaturbedingte Verlangsamung der Nervenleitfähigkeit in bereits geschädigten Bereichen.

Fatigue ist eines der belastendsten Langzeitsymptome und tritt unabhängig von der körperlichen Beeinträchtigung auf. Sie kann die Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit massiv einschränken, lässt sich jedoch durch gezieltes Energiemanagement und angepasste Bewegungstherapie oft positiv beeinflussen.

Ein CIS liegt vor, wenn eine Person eine erste Episode neurologischer Symptome erlebt, die mindestens 24 Stunden anhält und auf eine Entzündung im zentralen Nervensystem hindeutet. Es kann ein früher Hinweis auf eine mögliche Multiple Sklerose sein, führt aber nicht in jedem Fall zu einer chronischen Erkrankung.

 

Geprüft durch unser pharmazeutisches Team

Felix Hoffman, pharmazeutischer Experte

An der Pharmazie fasziniert mich am meisten, wie alles zusammenspielt. Von Zusammenhängen im Stoffwechsel hin zur Einnahme von Medikamenten. Wer sich damit auskennt, kann sein Leben positiv beeinflussen.“ 

Felix Hoffmann lebt für die Pharmazie und bringt eine große Expertise in der Beratung mit. Mit seinem fundierten Wissen garantiert er die hohen Qualitätsstandards der pharmazeutischen Inhalte auf apo.com. 

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