Multiple Sklerose (MS) ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern und ebenso vielfältig ist ihre Therapie. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze für jeden Krankheitsverlauf. Die verlaufsmodifizierende Therapie bildet das Fundament für die langfristige Behandlung von Personen mit MS. Erfahren Sie hier, wie diese Therapien funktioniert, und wie sie dazu beitragen kann, das Fortschreiten der Krankheit zu kontrollieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die verlaufsmodifizierende Therapie zielt darauf ab, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen, Schübe zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.  
  • Es gibt drei Hauptansätze innerhalb dieser Therapie: Immunmodulation, Immunsuppression und Immunrekonstitution.  
  • Verschiedene Formen der MS, wie die schubförmig-remittierende MS (RRMS) und die sekundär progrediente MS (SPMS), erfordern jeweils unterschiedliche verlaufsmodifierende Therapieansätze. 
  • Ein frühzeitiger Beginn der verlaufmodifizierenden Therapie (idealerweise unmittelbar nach der Diagnose) ist entscheidend, um dauerhafte Schäden zu vermeiden.  
  • Da die Krankheitsaktivität variieren kann, sind regelmäßige Kontrollen und gegebenenfalls Anpassungen der Behandlung notwendig, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. 

Verlaufsmodifizierende Therapie als Basis bei MS

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem irrtümlich die schützende Hülle der Nervenzellen, das sogenannte Myelin, angreift. Diese Schädigung beeinträchtigt die Signalübertragung zwischen dem Gehirn und dem restlichen Körper, was zu einer Vielzahl neurologischer (Nervensystem betreffende) Symptome führt, deren Schwere und Dauer stark variieren können. Die genauen Ursachen der MS sind noch nicht vollständig geklärt, wobei genetische und umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen. Da es bisher keine Heilung für MS gibt, zielt die Behandlung darauf ab, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, Schübe zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten. 

Bei der Behandlung von MS wird grundsätzlich zwischen drei Therapieansätzen unterschieden: der symptomatischen Therapie, der Schubtherapie und der verlaufsmodifizierenden Therapie. Während die symptomatische Therapie darauf abzielt, die Lebensqualität durch eine Linderung der Symptome von MS zu verbessern und die Schubtherapie akute Krankheitsschübe behandelt, ist die verlaufsmodifizierende Therapie darauf ausgerichtet, den langfristigen Krankheitsverlauf zu beeinflussen. 

Diese Form der Therapie soll dazu beitragen, die Entzündungsaktivität zu reduzieren, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Häufigkeit sowie die Schwere der Schübe zu verringern. Diese Therapieform greift direkt in den Krankheitsprozess ein, indem sie das fehlgeleitete Immunsystem beeinflusst. Sie wird häufig auch als Basistherapie oder immunmodulatorische Therapie bezeichnet. 

Therapiebeginn – Je früher, desto besser

Die verlaufsmodifizierende Therapie ist besonders wichtig, da sie die Erkrankung in ihren frühesten und oft aktivsten Phasen beeinflussen kann. Eine frühzeitige Einleitung dieser Therapie, am besten direkt nach der Diagnose von MS, hat sich als besonders wirksam erwiesen, um das Risiko schwerer körperlicher und psychischer Einschränkungen zu senken. 

Das liegt daran, dass die frühesten Phasen der Erkrankung oft die schädlichsten sind, auch wenn die Symptome noch mild erscheinen. Es ist verständlich, dass der Gedanke an eine lebenslange Therapie beängstigend sein kann. Doch die Erkenntnis, dass ein früher Start langfristig weniger Schäden und mehr Unabhängigkeit bedeuten kann, schenkt vielen Betroffenen Mut. 

Wie wirkt die verlaufsmodifizierende Therapie bei MS?

Die verlaufsmodifizierende Therapie zielt darauf ab, das Immunsystem so zu beeinflussen, dass die Angriffe auf das zentrale Nervensystem abgeschwächt oder ganz verhindert werden. Sie basiert auf drei Hauptprinzipien: Immunmodulation, Immunsuppression und Immunrekonstitution: 

  • Immunmodulation: Diese Therapie zielt darauf ab, die fehlgeleiteten Abwehrreaktionen bei MS zu korrigieren und möglicherweise auch die Regeneration der geschädigten Myelinscheiden zu unterstützen. Sie nutzt sogenannte Immunmodulatoren wie Interferone oder Glatirameracetat, um das Immunsystem zu regulieren.  

  • Immunsuppression: Hierbei werden Immunzellen gehemmt, um aggressive Angriffe auf das Nervensystem zu unterdrücken. Diese Methode, vergleichbar mit einer milden Form der Chemotherapie (einer Krebstherapie, bei der die Immunität unterdrückt wird, um das Wachstum von Krebszellen zu verhindern), wird bei schwereren MS-Verläufen eingesetzt. Beispiele für Immunsuppressiva sind die Wirkstoffe Mitoxantron und Azathioprin. 

  • Immunrekonstitution: Dieser Ansatz zielt auf eine temporäre Reduktion bestimmter Immunzellen ab, gefolgt von deren Erholung und Neuausrichtung. Antikörper (z.B. Alemtuzumab, Ocrelizumab) werden eingesetzt, um die Krankheitsaktivität effektiv zu reduzieren. Antikörper sind Proteine, die spezifisch gegen bestimmte Zielstrukturen im Körper gerichtet sind, um eine gezielte Immunantwort zu fördern oder zu unterdrücken. 

Abhängig von der Form und dem Fortschritt der Erkrankung wird eine individuelle Therapie zusammengestellt, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt ist. Für die folgenden MS-Formen sind verschiedene Behandlungsansätze einer verlaufsmodifizierenden Therapie geeignet: 

Schubförmig-remittierende MS (RRMS) und ihre Behandlung

Die schubförmig-remittierende MS (RRMS) ist die am häufigsten diagnostizierte Form der MS. Bei dieser Form erleben Betroffene Phasen mit deutlicher Intensivierung der Symptome, sogenannten Schüben, gefolgt von Perioden der Besserung oder Remission. In dieser Zeit kann die Krankheit inaktiv sein und keine weiteren Symptome hervorrufen. RRMS kann als aktiv oder nicht aktiv eingestuft werden, je nachdem, ob während der Remissionsphasen neue Entzündungsherde im Gehirn auftreten oder nicht. 

Je nach Schweregrad und Aktivität der RRMS werden verschiedene Arzneimittel eingesetzt. Für mildere und moderate Verläufe kommen zunächst Medikamente der ersten Wahl zum Einsatz: 

  • Beta-Interferone: Helfen, die Immunreaktion zu regulieren und die Häufigkeit von Schüben zu verringern. 
  • Glatirameracetat: Durch die gezielte Beeinflussung des Immunsystems kann dieses injizierbare Medikament dazu beitragen, die Schädigung des Myelins zu reduzieren. 
  • Dimethylfumarat und Diroximelfumarat: Orale Medikamente, die entzündungshemmend wirken und die Schubrate senken. 
  • Teriflunomid: Wirkt, indem es die Vermehrung bestimmter Immunzellen hemmt, die an den Angriffen auf das Myelin beteiligt sind. 

Für Personen mit hochaktiver RRMS, die häufiger und intensiver von Schüben betroffen sind, kommen stärkere, oft infusionsbasierte Wirkstoffe zum Einsatz: 

  • Alemtuzumab und Cladribin: Diese intensiven Immunmodulatoren zielen darauf ab, das Immunsystem grundlegend zu verändern und die Krankheitsaktivität zu senken. 
  • Natalizumab: Dieses Medikament verhindert, dass schädliche Immunzellen ins zentrale Nervensystem gelangen. 
  • Ocrelizumab und Ofatumumab: Monoklonale Antikörper, die speziell gegen bestimmte Immunzellen gerichtet sind, um das Fortschreiten der MS zu verlangsamen. 

Sekundär progrediente MS (SPMS) und ihre Behandlung 

Die sekundär progrediente MS (SPMS) entwickelt sich häufig nach einer Phase der RRMS. Hierbei geht die Krankheit von einer schubförmigen in eine kontinuierlich progressive Phase über, unabhängig davon, ob weiterhin Schübe auftreten oder nicht. Diese Form der MS ist mit einer stetigen Zunahme der körperlichen Einschränkungen verbunden. 

Für die Behandlung einer SPMS, bei der weiterhin Schübe auftreten, stehen mehrere Wirkstoffe zur Verfügung, die oft auch in der RRMS-Phase eingesetzt werden: 

  • Cladribin: Reduziert gezielt bestimmte Immunzellen, um die Krankheitsaktivität zu verringern. 
  • Interferon-β 1b: Unterstützt das Immunsystem und kann dazu beitragen, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. 
  • Ocrelizumab und Ofatumumab: Antikörpertherapien, die darauf abzielen, die Krankheitsprogression zu bremsen. 
  • Ponesimod und Siponimod: Diese Immunmodulatoren verhindern die Migration von Immunzellen ins zentrale Nervensystem und können dadurch die Krankheitsentwicklung beeinflussen. 

Für die Behandlung einer SPMS ohne Schübe, aber mit anhaltender Krankheitsaktivität, ist der Arzneistoff Siponimod zugelassen, der speziell für diese Phase der MS entwickelt wurde. Siponimod wirkt, indem es die Anzahl der aktiven Immunzellen, die die Nerven schädigen könnten, verringert und kann so die fortschreitenden Schäden verlangsamen. 

Gut zu wissen

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat MS-Therapien in 3 Wirksamkeitskategorien eingeteilt. Kategorie 1 umfasst Medikamente, die die Schubrate um 30-50 % reduzieren und bei milderen Verläufen verwendet werden. Kategorie 2 umfasst Wirkstoffe mit einer Schubreduktion von 50-60 % für moderate Krankheitsverläufe. Kategorie 3 beinhaltet die stärksten Medikamente, die die Schubrate um über 60 % senken können und bei aggressiven Verläufen eingesetzt werden. Diese Einteilung hilft, die passende Therapie je nach Krankheitsverlauf auszuwählen. Um mehr über die Einteilung und die Wirkung von Medikamenten zu erfahren, besuchen Sie unseren Artikel zu Medikamenten bei MS.

Regelmäßige Kontrollen und Therapieanpassungen

Die Wirksamkeit und Sicherheit der verlaufsmodifizierenden Therapie müssen regelmäßig überprüft werden. Dazu gehören klinische Untersuchungen wie Bluttests und MRT-Scans, um die Krankheitsaktivität zu überwachen. Wenn die Therapie nicht den gewünschten Erfolg bringt oder die Krankheit weiterhin fortschreitet, ist eine Anpassung oder ein Wechsel der Behandlung notwendig. Dies sollte immer in enger Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt oder der Ärztin geschehen, um die besten Ergebnisse zu erzielen. 

Therapieoptimierung und Wechsel: Was ist zu beachten?

Vor einem Therapiewechsel müssen sogenannte Auswaschphasen eingehalten werden, in denen das alte Medikament aus dem Körper eliminiert wird, bevor eine neue Therapie begonnen werden kann. Diese Phase ist besonders wichtig, um das Risiko von Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen zu minimieren.  

Emotionale Unterstützung: Ein oft unterschätzter Faktor

Neben der medizinischen Behandlung spielt auch die emotionale Unterstützung eine zentrale Rolle im Umgang mit MS. Angst, Unsicherheit und das Gefühl von Hilflosigkeit können belastend sein. Oft ist es hilfreich, offen über Sorgen zu sprechen und sich Unterstützung zu suchen, um Isolation zu vermeiden. Folgende Optionen könnten in diesem Zusammenhang nützlich sein:  

  • Selbsthilfegruppen bieten Austausch und Verständnis. 
  • Psychologische Beratung kann helfen, Ängste zu bewältigen. 
  • Enge Angehörige sollten in den Prozess eingebunden werden, um ein unterstützendes Netzwerk zu schaffen. 
  • Entspannungstechniken und Stressmanagement tragen zur mentalen Gesundheit bei. 

Es ist völlig normal, sich manchmal überfordert zu fühlen. Aber denken Sie daran: Sie sind nicht allein. Es gibt viele Wege, emotionale Unterstützung zu erhalten und gemeinsam mit anderen einen positiven Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln. 

Die richtige Therapie für ein selbstbestimmtes Leben

Die verlaufsmodifizierende Therapie ist entscheidend, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten. Die richtigen Maßnahmen zur Behandlung von MS, sei es in der schubförmig-remittierenden oder sekundär progredienten Form, erfordern eine sorgfältige Abstimmung der Therapie auf die individuelle Situation der Patient:innen. Durch regelmäßige Kontrollen und eine kontinuierliche Überwachung kann diese Therapie dazu beitragen, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und den Betroffenen mehr Kontrolle über ihr Leben zu geben.  

Geprüft durch unser pharmazeutisches Team

Louisa Löwe, pharmazeutische Expertin

„Die Pharmazie kennt keinen Stillstand – das ist es, was mich so daran fasziniert. Jeden Tag werden spannende neue Wirkstoffe und Behandlungsmöglichkeiten für Krankheiten entdeckt.“

Als Apothekerin ist es Louisa Löwe besonders wichtig, ständig up-to-date und informiert zu bleiben. Bei apo.com lässt sie ihr Wissen in die pharmazeutischen Beiträge einfließen und garantiert Kund:innen so wissenschaftlich fundierte und geprüfte Inhalte.

Wichtiger Hinweis: Unsere Artikel und Grafiken werden von unserem Expertenteam aus Apotheker:innen überprüft. Grundlage sind stets seriöse Quellen, wissenschaftliche Artikel, Leitlinien und ärztliche Aussagen. Die Inhalte werden in regelmäßigen Abständen aktualisiert und dienen weder der Selbstdiagnose noch ersetzen sie einen Arztbesuch.