Die Wahl der richtigen Medikamente spielt eine entscheidende Rolle bei der Therapie von Multipler Sklerose (MS). Geeignete Arzneimittel können helfen, Schübe zu reduzieren, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen und Symptome zu mildern. Die Vielzahl an Therapien ermöglicht es, eine individuell angepasste Behandlung für Betroffene zu finden. Dabei müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden, wie Nebenwirkungen, Dosierung und individuelle Verträglichkeit. Erfahren Sie in unserem Artikel, welche Medikamente vorrangig eingesetzt werden, wie sie wirken und welche Beschwerden sie gezielt lindern können.
Das Wichtigste in Kürze
- Schmerzen bei Multipler Sklerose (MS) entstehen durch Schädigungen der Nerven, die zu Entzündungen und fehlerhaften Nervenimpulsen führen.
- Neuropathische Schmerzen sind brennende oder stechende Schmerzen, die durch direkte Nervenschäden verursacht werden.
- Nozizeptive Schmerzen, wie mechanische Schmerzen und spastizitätsbedingte Schmerzen, resultieren aus körperlicher Überlastung, Fehlhaltungen oder Muskelkrämpfen.
- Druckschmerzen entstehen durch längere Inaktivität und Kopfschmerzen durch Entzündungen und Nervenschädigungen.
- Auch Medikamente zur MS-Behandlung können Schmerzen verursachen, wie grippeähnliche Symptome und Schmerzen an der Injektionsstelle.
Was sind die Ziele der MS-Therapie?
Eine Diagnose wie Multiple Sklerose (MS) bringt viele Veränderungen und Unsicherheiten mit sich. In solchen Momenten ist es entscheidend, gut informiert zu sein, um die bestmöglichen Entscheidungen für die eigene Gesundheit treffen zu können. Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft in Schüben verläuft und das Leben in vielerlei Hinsicht beeinflussen kann. Symptome, wie Empfindungsstörungen oder Muskellähmungen, zählen zu den häufigsten Frühzeichen von MS. Auch wenn es keine Heilung gibt, können die richtigen Medikamente dabei helfen, die Krankheit zu kontrollieren und ein aktives, erfülltes Leben zu führen. Die Therapie lässt sich grundsätzlich in drei Kategorien einteilen:
- Schubtherapie: Behandlung akuter Schübe, um Beschwerden schnell zu lindern.
- Verlaufsmodifizierende Therapie: Reduktion der Schwere und Häufigkeit der Schübe, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
- Symptomatische Therapie: Linderung von MS-bedingten Symptomen wie Fatigue, Spastik, Schmerzen und Blasenfunktionsstörungen, um die Lebensqualität zu verbessern.
Medikamente zur Schubtherapie
Wenn bei MS ein akuter Schub auftritt, ist schnelle Hilfe wichtig. In solchen Fällen kommt häufig hochdosiertes Kortison zum Einsatz, insbesondere der Wirkstoff Methylprednisolon. Kortison ist der Oberbegriff für eine Klasse von Steroidhormonen, die entweder vom Körper produziert oder als Medikamente verabreicht werden, um Entzündungen zu reduzieren und eine überaktive Immunreaktion zu dämpfen.
Stoßtherapie mit Kortison (Methylprednisolon):
- Wirkung: Reduziert Entzündungen und dämpft das überaktive Immunsystem
- Dosierung: 500-1000 mg pro Tag über drei bis fünf Tage
- Eskalationstherapie: Bei schweren Schüben oder unzureichender Wirkung kann die Kortisondosis auf 2000 mg/Tag erhöht werden.
- Verabreichung: Meist als Infusion (über die Vene verabreicht), alternativ auch als Tablette.
- Nebenwirkungen: Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Schlaflosigkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Herzrasen, Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen, Wassereinlagerungen, Muskel- und Gelenkbeschwerden sowie Gesichtsrötungen (Flush). In bestimmten Fällen, wie bei bestehenden Allergien gegen Kortison, kürzlich aufgetretenen Blutgerinnseln in den Beinen (Beinvenenthrombose) oder der Lunge (Lungenembolie) sowie schweren Infektionen wie einer Lungenentzündung, sollte Kortison nicht angewendet werden.
Gut zu wissen
Sollte auch die Eskalationstherapie nicht wirksam sein, kann eine Blutwäsche in Betracht gezogen werden. Dabei werden schädliche Antikörper aus dem Blut gefiltert. Dieses Verfahren wird in spezialisierten Zentren durchgeführt und ist insbesondere dann sinnvoll, wenn andere Therapien nicht helfen. Möchten Sie mehr dazu wissen? Lesen Sie unseren Artikel zur Schubtherapie und erfahren Sie, wie Sie einen Schub richtig erkennen können.
Medikamente zur Langzeitbehandlung: Die verlaufsmodifizierende Therapie
Die verlaufsmodifizierende Therapie zielt darauf ab, das Fortschreiten der MS zu verlangsamen und die Häufigkeit von Schüben zu reduzieren. Diese Therapie umfasst Medikamente, die in verschiedenen Darreichungsformen verbreicht werden können: Als Injektion (unter die Haut oder in den Muskel), Infusionen (über die Vene) oder Tabletten. Die Wahl des Medikaments richtet sich nach dem individuellen Krankheitsverlauf und dem Schweregrad der MS. Die verschiedenen Medikamente werden basierend auf ihrer Wirksamkeit in drei Hauptkategorie unterteilt.
Wirksamkeitskategorie 1 (niedrige Wirksamkeit)
Medikamente dieser Kategorie werden bei leichteren Verlaufsformen der MS eingesetzt, besonders in den frühen Stadien der Krankheit. Sie reduzieren die Schubrate um etwa 30 % und sind in der Regel gut verträglich. Diese Medikamente wirken, indem sie das Immunsystem leicht dämpfen, ohne es vollständig zu unterdrücken, wodurch sie das Fortschreiten der MS verlangsamen.
Interferon-beta:
- Wirkung: Reguliert die Immunantwort (Abwehrsystem) und kann somit Entzündungen im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) verringern.
- Applikationsart: Injektion unter die Haut (subkutan) oder in den Muskel (intramuskulär), ein- bis dreimal pro Woche.
- Nebenwirkungen: Grippeähnliche Symptome wie Fieber, Müdigkeit, Muskelschmerzen; Reaktionen an der Injektionsstelle wie Rötungen, Schwellungen oder Schmerzen können auftreten.
Glatirameracetat:
- Wirkung: „Lenkt“ das Immunsystem von der Myelin-Attacke ab (Myelin ist die Schutzschicht der Nerven), indem es eine ähnliche Substanz bereitstellt.
- Applikationsart: Subkutane Injektion (Injektion in die Unterhaut) drei- bis siebenmal wöchentlich.
- Nebenwirkungen: Häufig entstehen Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Einstichstelle; gelegentlich können vorübergehende Reaktionen wie Herzklopfen, Hitzegefühl oder Atemnot nach der Injektion vorkommen.
Dimethylfumarat:
- Wirkung: Beruhigt das überaktive Immunsystem und trägt dazu bei, die Nervenzellen vor Schäden zu schützen.
- Applikationsart: Tablette, zweimal täglich.
- Nebenwirkungen: Häufig kommen Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall und Bauchschmerzen vor; auch Flush (Hitzewallungen mit Gesichtsrötung) ist gelegentlich möglich; sehr selten können schwere Nebenwirkungen wie die progressive multifokale Leukoenzephalopathie (PML, eine schwere Hirninfektion) auftreten.
Teriflunomid:
- Wirkung: Reduziert die Anzahl der Immunzellen, die an der Schädigung der Nerven beteiligt sind.
- Applikationsart: Tablette, einmal täglich.
- Nebenwirkungen: Häufig treten Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit und Durchfall auf; gelegentlich kann es zu Haarausfall und einer Erhöhung der Leberwerte kommen, was zu Leberschäden führen kann, die überwacht werden müssen.
Wirksamkeitskategorie 2 (mittlere Wirksamkeit)
Diese Medikamente werden verwendet, wenn die MS aktiver ist, also häufiger Schübe auftreten oder die Krankheit schneller voranschreitet. Sie reduzieren die Schubrate um etwa 50 %. Diese Medikamente greifen stärker in das Immunsystem ein, indem sie die Aktivität spezifischer Immunzellen (Abwehrzellen), die für die Nervenschädigung verantwortlich sind, deutlich reduzieren.
Cladribin:
- Wirkung: Reduziert langfristig die Anzahl der Immunzellen, die MS-Schübe verursachen können.
- Applikationsart: Tablette, in zwei Behandlungszyklen über zwei Jahre.
- Nebenwirkungen: Häufig treten Kopfschmerzen und Müdigkeit auf; eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen ist möglich, da die Anzahl der Immunzellen reduziert wird; gelegentlich kann es zu Haarausfall und einer langfristigen Reduktion der Lymphozyten (bestimmte weiße Blutkörperchen) kommen, die überwacht werden muss.
Fingolimod:
- Wirkung: Verhindert, dass bestimmte Immunzellen aus den Lymphknoten (Teile des Abwehrsystems) ins Gehirn und Rückenmark gelangen, wo sie Entzündungen verursachen könnten.
- Applikationsart: Tablette, einmal täglich.
- Nebenwirkungen: Häufig kommt es zu einer Verlangsamung des Herzschlags, besonders nach der ersten Dosis; auch eine Verringerung der weißen Blutkörperchen ist möglich, wodurch sich das Infektionsrisiko erhöht; selten können schwere Hirninfektionen (PML) auftreten; gelegentlich kommt es zu Bluthochdruck und Leberproblemen.
Ozanimod, Ponesimod:
- Wirkung: Ähnlich wie Fingolimod verhindern diese Medikamente, dass schädliche Immunzellen ins zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) gelangen.
- Applikationsart: Tablette, einmal täglich.
- Nebenwirkungen: Der Herzschlag kann sich leicht verlangsamen, besonders nach der ersten Dosis. Gelegentlich treten Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen auf. Seltener können Bluthochdruck und Leberprobleme auftreten.
Wirksamkeitskategorie 3 (hohe Wirksamkeit)
Medikamente dieser Kategorie werden bei besonders aggressiver oder schnell voranschreitender MS eingesetzt. Sie reduzieren die Schubrate um 70 % oder mehr und sind oft eine Option, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirken. Diese Medikamente unterdrücken das Immunsystem sehr stark, um die Nervenschäden durch MS möglichst zu verhindern.
Alemtuzumab:
- Wirkung: Zielt darauf ab, bestimmte Immunzellen (weiße Blutkörperchen), die für Nervenschäden verantwortlich sind, zu zerstören und kann so das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen.
- Applikationsart: Infusion, in zwei Zyklen über zwei Jahre.
- Nebenwirkungen: Häufig treten Infusionsreaktionen wie Hautausschlag, Fieber und Schüttelfrost auf; es besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen; langfristig besteht die Gefahr der Entwicklung von weiteren Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift, wie beispielsweise Schilddrüsenprobleme oder Blutgerinnungsstörungen.
Natalizumab:
- Wirkung: Wirkt, indem es das Eindringen von Immunzellen ins Gehirn verhindert, was helfen kann, Entzündungen und Schübe zu reduzieren.
- Applikationsart: Infusion, alle vier Wochen.
- Nebenwirkungen: Häufig treten Kopfschmerzen und Müdigkeit nach der Infusion auf; es besteht ein erhöhtes Risiko für PML (schwere Hirninfektion); gelegentlich können Infektionen und allergische Reaktionen vorkommen.
Ocrelizumab, Ofatumumab:
- Wirkung: Diese Medikamente können spezifische Immunzellen bekämpfen, die für die Nervenschädigung bei MS verantwortlich sind.
- Applikationsart: Ocrelizumab: Infusion alle sechs Monate; Ofatumumab: monatliche subkutane Injektion.
- Nebenwirkungen: Häufig treten Infusions- oder Injektionsreaktionen wie Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlag auf; es besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen, insbesondere Atemwegsinfektionen; gelegentlich können Hautreaktionen und Leberprobleme eintreten.
Medikamente zur symptomatischen Behandlung
Die symptomatische Therapie bei MS ist besonders wichtig, da die Erkrankung als „Krankheit mit 100 Gesichtern“ bekannt ist. Das bedeutet, dass sie eine Vielzahl von Symptomen verursachen kann, die von Person zu Person unterschiedlich sind. Diese Therapie zielt darauf ab, die individuellen Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern:
- Schmerzen bei MS wie Rücken- oder Gliederschmerzen können häufig mit gängigen Schmerzmitteln wie Ibuprofen und Diclofenac behandelt werden, die entweder oral (als Tabletten, Kapseln) oder in Gelform zur äußerlichen Anwendung erhältlich sind.
- Spastiken (Muskelverkrampfungen) werden oft mit Muskelrelaxantien behandelt, die die Muskulatur entspannen und so die Krämpfe lindern.
- Fatigue (extreme Müdigkeit) ist ein weiteres häufiges Symptom, das mit speziellen Medikamenten oder durch bestimmte Anpassungen des Lebensstils gemildert werden kann.
Möchten Sie mehr über die Behandlung der verschiedenen MS-Symptome erfahren? In diesem Artikel informieren wir Sie ausführlich über medikamentöse und nichtmedikamentöse Therapien.
Gut zu wissen
Medikamente sind ein wichtiger Bestandteil der MS-Behandlung, doch auch nicht-medikamentöse Therapien spielen eine entscheidende Rolle. Physiotherapie (Bewegungstherapie), Ergotherapie (Alltagstraining) und Logopädie (Sprachtherapie) können helfen, Bewegungsabläufe zu verbessern, die Selbstständigkeit zu erhalten und Sprachprobleme zu lindern. Psychologische Unterstützung und Selbsthilfegruppen bieten außerdem wertvolle Hilfe im Umgang mit der Krankheit.
- https://www.amsel.de/multiple-sklerose/behandeln/therapiemoeglichkeiten-und-verlaufsformen/#c1003110
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36055929/
- https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-050p_S2e_Multiple-Sklerose_2022-05_01.pdf
- https://www.msundich.de/behandlung/verlaufsmodifzierte-therapie-bei-ms
Geprüft durch unser pharmazeutisches Team
![2[1] Sofia Westermann, pharmazeutische Expertin](https://www.apo.com/magazin/wp-content/uploads/2024/05/21-2-1024x1024.jpg)
„Die Pharmazie ist eine faszinierende Wissenschaft. Ein ganz wichtiger Grund für mich, Apothekerin zu werden, war es, dass ich damit anderen Menschen helfen kann.“
Für Apothekerin Sophia Westermann ist Pharmazie nicht nur ein Beruf, sondern eine Passion. Menschen mit ihrem Wissen zu unterstützen, hat für sie oberste Priorität. Als pharmazeutische Expertin garantiert sie daher die Richtigkeit der Inhalte im apo Magazin und prüft diese vor einem wissenschaftlichen Hintergrund.
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