Hormonelle Veränderungen während einer Schwangerschaft beeinflussen unter anderem die Blutzuckerwerte der werdenden Mutter. Sind diese stark erhöht, liegt ein Schwangerschaftsdiabetes bzw. Gestationsdiabetes vor. Dieser kann die Gesundheit von Mutter und Kind gefährden, sofern er nicht behandelt wird. Hier erfahren Sie, ab welchen Werten ein Schwangerschaftsdiabetes oder eine bestehende Diabetes-Erkrankung diagnostiziert wird und welche Zielwerte Sie für eine gesunde Schwangerschaft anstreben sollten.
Das Wichtigste in Kürze
- Schwangerschaftsdiabetes entsteht, wenn der Körper der werdenden Mutter nicht genug Insulin produziert, um den erhöhten Bedarf während der Schwangerschaft zu decken.
- Zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche wird ein Zuckerbelastungstest durchgeführt, um routinemäßig die Blutzuckerwerte zu messen.
- Wird im Vortest ein hoher Blutzuckerwert gemessen, folgt am nächsten Tag ein ausführlicher Diagnosetest, der nüchtern sowie nach dem Trinken einer 75-Gramm-Glukoselösung durchgeführt wird.
- Die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes wird gestellt, wenn die Werte 92 mg/dl nüchtern, 180 mg/dl nach einer Stunde oder 153 mg/dl nach zwei Stunden überschreiten.
- Es ist wichtig, bestimmte festgesetzte Zielwerte zu beachten, um Komplikationen während der Schwangerschaft zu vermeiden.
Schwangerschaftsdiabetes: Warum steigen die Blutzuckerwerte?
Diabetes ist eine Erkrankung, die durch erhöhten Blutzucker gekennzeichnet ist. Der hohe Blutzuckerspiegel kommt dadurch zustande, weil das Hormon Insulin, das normalerweise den Blutzucker reguliert, entweder nicht richtig wirkt (Insulinresistenz) oder nicht ausreichend vorhanden ist (Insulinmangel). Eine besondere Form des Diabetes, der Schwangerschaftsdiabetes oder Gestationsdiabetes mellitus (GDM), tritt während der Schwangerschaft auf und verschwindet meist nach der Geburt wieder. GDM entsteht, wenn der Körper der werdenden Mutter nicht genug Insulin produziert, um den erhöhten Bedarf während der Schwangerschaft zu decken. Aber warum haben Schwangere einen erhöhten Bedarf an Insulin?
Im Körper einer werdenden Mutter sorgen hormonelle Veränderungen dafür, dass sich das ungeborene Kind optimal entwickeln kann. Zu diesem Zweck steigt die Ausschüttung wichtiger Schwangerschaftshormone wie Östrogen, Progesteron, Plazentalaktogen, Prolaktin und Kortisol. Diese sorgen unter anderem für einen Anstieg des Blutzuckers und somit dafür, dass Mutter und Kind mehr Energie zur Verfügung steht.
Auswirkungen von erhöhten Blutzuckerwerten auf die Schwangerschaft
Um die Blutzuckerwerte trotzdem auf einem normalen Niveau zu halten, versucht gleichzeitig die Bauchspeicheldrüse der Mutter vermehrt Insulin zu produzieren. Dieses ermöglicht den Übergang von Zucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen, wo er als wichtiger Energielieferant dient. Wenn die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse jedoch nicht in der Lage sind, ausreichend Insulin zu produzieren, steigen die Blutzuckerwerte der Mutter zu stark an: Es entsteht ein Schwangerschaftsdiabetes. Dieser erhöht das Risiko der Schwangeren für verschiedene Komplikationen:
- Für das Kind: Höheres Risiko, dass das Baby zu groß wird (über 4000 g), was zu einer schwierigen Geburt oder Frühgeburt führen kann. Nach der Geburt kann das Baby Probleme mit niedrigem Blutzucker und Atemschwierigkeiten haben sowie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Gelbsucht (Gelbfärbung der Haut und Augen).
- Für die Mutter: Höheres Risiko für Präeklampsie, eine Schwangerschaftskomplikation mit hohem Blutdruck und erhöhtem Eiweißgehalt im Urin. Dadurch kann die Blutversorgung des Babys gestört werden, es kann zu Frühgeburten oder Plazentaablösungen kommen und die Wahrscheinlichkeit einer Geburt per Kaiserschnitt kann steigen.
Nach der Geburt, wenn sich Stoffwechsel und Hormonhaushalt wieder normalisieren, bildet sich ein Schwangerschaftsdiabetes normalerweise von allein zurück. Allerdings haben Mütter im weiteren Verlauf eine erhöhte Neigung, an einem Diabetes Typ 2 zu erkranken.
Gut zu wissen
Die Schwangerschaft selbst ist die Ursache für diesen speziellen Diabetes-Typ, daher leitet sich von ihr auch der medizinische Fachterminus „Gestationsdiabetes“ bzw. „Diabetes Typ 4“ ab. In vielen Fällen verursacht der Schwangerschaftsdiabetes keine Symptome. Je höher die Blutzuckerwerte aber sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Symptome auftreten, die denen anderer Diabetes-Typen ähneln:
- Schwäche
- Müdigkeit
- Erhöhter Durst
- Häufiges Wasserlassen
Oft werden diese Symptome mit den üblichen Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft verwechselt. Umso wichtiger sind regelmäßige ärztliche Kontrollen und Blutzuckertests auf Schwangerschaftsdiabetes. Die Diagnose erfolgt oftmals im Rahmen eines gezielten Screenings während der Schwangerschaftsvorsorge. So wird eine rechtzeitige Behandlung sichergestellt.
Blutzuckermessung bei Schwangerschaftsdiabetes
Blutzuckerwerte werden in zwei Einheiten gemessen: mg/dl (Milligramm pro Deziliter) und mmol/l (Millimol pro Liter). In der Regel wird bei allen Schwangeren zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche ein Zuckerbelastungstest durchgeführt.
Um einen Gestationsdiabetes entweder diagnostizieren oder sicher ausschließen zu können, ermittelt der behandelnde Arzt bzw. die behandelnde Ärztin in einem zweistufigen Testverfahren die Blutzuckerwerte der Mutter. In einem Vortest wird dabei der Blutzucker eine Stunde nach Trinken einer 50-Gramm-Glukoselösung gemessen (unabhängig von Tageszeit und Nahrungsaufnahme und im nicht nüchternen Zustand). Diese Messung erfolgt meist durch eine Blutprobe aus der Fingerkuppe. Ein Verdacht auf Schwangerschaftsdiabetes besteht bei Werten von mindestens 135 mg/dl (7,5 mmol/l).
Liefert der Vortest ein solches Ergebnis, dann wird ein Diagnosetest durchgeführt, für den die Schwangere nüchtern sein muss. Der Arzt bzw. die Ärztin misst zunächst den Nüchternblutzucker am nächsten Morgen. Anschließend trinkt die Schwangere eine 75-Gramm-Glukoselösung und es folgen Blutzuckermessungen jeweils eine und zwei Stunden später. Dieser Blutzuckertest wird mit venösem Plasma durchgeführt, das heißt Blut wird aus einer Vene (normalerweise am Arm) entnommen. Venöses Plasma ist der flüssige Teil des Blutes, der keine Blutzellen enthält und dadurch zuverlässige und genaue Messungen des Blutzuckerspiegels ermöglicht.
Gut zu wissen
Die Krankenkasse übernimmt den 50-Gramm-Zuckertest für alle schwangeren Frauen. Bei Verdacht auf Diabetes werden auch die Kosten des „großen“ 75-Gramm-Glukosetests übernommen, wenn er zeitnah, am besten am nächsten Morgen, durchgeführt wird. Zu diesem Test sollten Sie morgens mit leerem Magen erscheinen und seit 22 Uhr des Vorabends nichts mehr gegessen haben. Wasser ist erlaubt, aber Medikamente sollten erst nach dem Test eingenommen werden. Rauchen ist vor dem Test ebenfalls nicht erlaubt.
Ab welchen Blutzuckerwerten wird die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes gestellt?
Wenn bei mindestens einer dieser drei Messungen der Blutzucker über einem bestimmten Grenzwert liegt, stellt der Arzt bzw. die Ärztin die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes. Die Referenz-Werte des Gestationsdiabetes im venösen Plasma nach den Kriterien der IADPSG (The International Assosciation of the Diabetes and Pregnancy Study Groups) sind:
- nüchtern: 92 mg/dl (5,1 mmol/l)
- nach einer Stunde: 180 mg/dl (10 mmol/l)
- nach zwei Stunden: 153 mg/dl (8,5 mmol/l)
Erreicht der Nüchternblutzucker hingegen einen Wert von mindestens 126 mg/dl (7,0 mmol/l) oder liegt der gemessene Wert nach zwei Stunden bei 200 mg/dl (11,1 mmol/l) oder höher, dann wird kein Schwangerschaftsdiabetes diagnostiziert. Ein derart hoher Blutzuckerwert lässt vielmehr darauf schließen, dass bereits vor der Schwangerschaft ein unentdeckter Diabetes vorlag, der sich erstmals während der Schwangerschaft manifestiert und bislang unbemerkt blieb.
Der behandelnde Arzt bzw. die Ärztin sprechen hier von einem “in der Schwangerschaft festgestellten manifesten Diabetes”.
HbA1c–Werte bei Schwangerschaftsdiabetes
Alternativ können zur Diagnose eines Schwangerschaftsdiabetes die HbA1c–Werte der Schwangeren herangezogen werden. Der HbA1c–Wert heißt auch Blutzuckerlangzeitwert und gibt an, wie hoch der Blutzucker etwa in den letzten sechs bis acht Wochen vor der Messung war.
Bei gesunden Menschen sollte der HbA1c–Wert bei etwa fünf Prozent liegen; bei Werten ab 6,5 Prozent wird Diabetes diagnostiziert. Bei Werten zwischen 5,9 und 6,4 Prozent sprechen Mediziner:innen normalerweise von einem Prädiabetes, also der Vorstufe von Diabetes. Während einer Schwangerschaft gelten solche leicht erhöhten Werte hingegen als Anzeichen für einen möglichen Schwangerschaftsdiabetes. Bestätigt wird dieser Verdacht dann mit dem oben beschriebenen Diagnosetest.
Erreicht der gemessene HbA1c–Wert bei einer Schwangeren hingegen 6,5 Prozent oder mehr, deutet dies ebenfalls darauf hin, dass bereits vor der Schwangerschaft ein unentdeckter Diabetes vorlag.
Blutzuckerzielwerte bei Schwangerschaftsdiabetes
Bei Schwangerschaftsdiabetes ist es essenziell, bestimmte Blutzuckerziele zu erreichen, um sowohl die Gesundheit der Mutter als auch die des Kindes zu schützen. Die angestrebten Blutzuckerwerte sind von ärztlichen Leitlinien vorgegeben:
- nüchtern: unter 95 mg/dl (5,3 mmol/l)
- 1 Stunde nach Beginn einer Hauptmahlzeit: unter 140 mg/dl (7,8 mmol/l)
- 2 Stunden nach Beginn einer Hauptmahlzeit: Der Zielwert beträgt weniger als 120 mg/dl (6,7 mmol/l)
Die Einhaltung dieser Zielwerte hilft, Komplikationen während der Schwangerschaft zu vermeiden und das Risiko für die mögliche Entwicklung von Typ-2-Diabetes nach der Schwangerschaft zu reduzieren.
Um diese Ziele zu erreichen, beginnt die Behandlung häufig mit einer Anpassung des Lebensstils. Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige körperliche Aktivität sind grundlegende Maßnahmen. Lesen Sie hier 5 effektive Maßnahmen, wie Sie Blutzuckerwerte senken können
In vielen Fällen reicht dies aus, um die Blutzuckerwerte in den Zielbereichen zu halten. In seltenen Fällen wird die Gabe des Hormons Insulin nötig. Erfahren Sie hier mehr über die Behandlung von Schwangerschaftsdiabetes.
- https://register.awmf.org/assets/guidelines/057-008p_S3_Gestationsdiabetes-mellitus-GDM-Diagnostik-Therapie-Nachsorge_2020-01.pdf
- https://register.awmf.org/assets/guidelines/057_D_Diabetes_Ges/057-008pr_S3_Gestationsdiabetes-mellitus-GDM-Diagnostik-Therapie-Nachsorge_2018-03-abgelaufen.pdf
- https://www.netdoktor.de/krankheiten/diabetes-mellitus/schwangerschaftsdiabetes/
- https://www.gesundheitsinformation.de/schwangerschaftsdiabetes.html
- https://www.praktischarzt.de/untersuchungen/blutuntersuchung/blutwerte/haemoglobin-hb-wert/hba1c-wert-langzeitblutzucker/
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„An der Pharmazie fasziniert mich am meisten, wie alles zusammenspielt. Von Zusammenhängen im Stoffwechsel hin zur Einnahme von Medikamenten. Wer sich damit auskennt, kann sein Leben positiv beeinflussen.“
Felix Hoffmann lebt für die Pharmazie und bringt eine große Expertise in der Beratung mit. Mit seinem fundierten Wissen garantiert er die hohen Qualitätsstandards der pharmazeutischen Inhalte auf apo.com.
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