Rheuma ist eine komplexe Gruppe von Erkrankungen, die oft schleichend beginnt und verschiedene Symptome wie Schmerzen, Schwellungen oder Entzündungen hervorrufen kann. Eine zentrale Rolle bei der Diagnose und Überwachung des Therapiefortschritts spielt die Analyse der Blutwerte. Erfahren Sie hier, welche Blutwerte bei Rheuma wichtig sind, was sie bedeuten und wie sie zur Diagnose und Therapie beitragen.
Das Wichtigste in Kürze
- Blutwerte wie der Rheumafaktor (RF) und Entzündungsmarker wie CRP oder BSG sind essenziell für die Diagnostik.
- Spezifische Werte wie Anti-CCP-Antikörper und HLA-B27 liefern weitere Hinweise auf bestimmte Rheumaformen.
- Regelmäßige Blutuntersuchungen sind für die Therapieüberwachung unerlässlich.
Warum sind Blutwerte bei Rheuma entscheidend?
Bluttests sind ein wichtiges Werkzeug für Ärzt:innen, um den Gesundheitszustand von Patient:innen zu beurteilen. Sie liefern nicht nur Hinweise auf akute Entzündungen, sondern auch auf autoimmune Prozesse, die häufig im Zusammenhang mit rheumatischen Erkrankungen stehen. Die richtige Interpretation dieser Werte trägt bei zur:
- Diagnose von Rheuma: Bestimmte Blutwerte stützen die Diagnose Rheuma und helfen, spezielle Rheumaformen zu detektieren.
- Überwachung des Krankheitsverlaufs und der Krankheitsschwere: Ist die Krankheit sehr aktiv oder weniger aktiv? Deuten höhere Entzündungswerte als üblich auf einen akuten Schub hin? Ist die allgemeine Entzündung im Körper zurückgegangen? Sind innere Organe mitbeteiligt (z. B. die Niere)?
- Individuelle Anpassung der Therapie: Lassen bestimmte Blutwerte darauf schließen, dass die Therapie Nebenwirkungen verursacht? Muss die Dosis verändert werden? Hat der Patient andere Beschwerden oder Krankheiten, die eine bestimmte Therapie nicht zulassen?
- Aufdeckung und Kontrolle von Nebenleiden: Andere Krankheiten können Rheuma vortäuschen. Rheuma kann aber auch andere Krankheiten verdecken oder andersrum ihr Hervortreten begünstigen.
Wichtige Blutwerte bei Rheuma
1. Entzündungsmarker: CRP und BSG
Die Werte CRP (C-reaktives Protein) und BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit) sind Entzündungsmarker. Es sind sehr unspezifische Laborwerte, das heißt, sie sind auch bei vielen anderen entzündlichen Erkrankungen erhöht. Dennoch sind erhöhte Werte ein Indiz für die Diagnose, insofern keine andere Ursachen dafür erkennbar sind.
CRP ist ein Protein und Teil des Immunsystems. Es bindet an Krankheitserreger und geschädigte Zellen und aktiviert dann die Immunabwehr. Es steigt deswegen bei Infektionen oder Entzündungen im Körper rasch an. Ein erhöhtes CRP weist auf akute Entzündungen im Körper hin.
Die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) zeigt an, wie schnell sich rote Blutkörperchen in einer Blutprobe absetzen. Verschiedene Faktoren führen dazu, dass sich die roten Blutkörperchen bei Entzündungen schneller absetzen, was in einem erhöhten BSG-Wert resultiert. Erhöhte Werte deuten auf chronische Entzündungen hin.
2. Autoantikörper
Unter Autoantikörper versteht man Antikörper gegen körpereigene Strukturen. Bei der rheumatoiden Arthritis lassen sich Antikörper gegen CCP (CCP-AK) finden. Das sind bestimmte Peptide in der Gelenkflüssigkeit. Der CCP-Antikörper ist ein sehr spezifischer Laborwert für die rheumatoide Arthritis und spielt daher eine wichtige Rolle in der Diagnostik dieser rheumatischen Erkrankung. Außerdem sind CCP-AK schon im Blut nachweisbar, bevor klinische Symptome auftreten. So ist mithilfe dieser Werte eine frühzeitige Diagnose möglich.
Ein weiterer Autoantikörper, der insbesondere bei der rheumatoiden Arthritis eine Rolle spielt, ist der sogenannte Rheumafaktor (RF-AK). Bei Kollagenosen lassen sich vermehrt Antinukleäre Antikörper (ANA) nachweisen. Anti-Neutrophile cytoplasmatische Antikörper (ANCA) sind Antikörper, die vermehrt bei Kleingefäßvaskulitiden vorzufinden sind. Dazu zählen alle Arten von Gefäßentzündungen, die sich in kleinen Gefäßen wie Kapillaren, Venolen und Arteriolen äußern.
Gut zu wissen
Normalerweise sind Antikörper ein wichtiger Teil unseres Immunsystems. Sie greifen körperfremde Erreger an, um uns vor ihnen zu schützen. Doch bei Autoimmunerkrankungen, zu denen bestimmte Arten von Rheuma gehören, wie zum Beispiel die rheumatoide Arthritis, ist das Immunsystem gestört und Antikörper fangen an, körpereigene Stoffe anzugreifen. Man spricht dann von Autoantikörpern.
3. HLA-B27
Für eine kleine Patient:innengruppe spielen auch genetische Marker wie HLA-B27 eine Rolle. Besonders relevant ist er für Spondyloarthritiden, also rheumatische Erkrankungen, die die Wirbelsäule betreffen (z. B. Morbus Bechterew). Ein positiver HLA-B27-Wert stützt hier die Diagnose. Umgekehrt kann aber nicht gesagt werden, dass ein positiver HLA-B27-Wert bedeutet, dass die Person an Morbus Bechterew erkranken wird. 90 % der Menschen, die diesen Marker haben, erkranken nicht. Lediglich bei bereits vorhandenem Verdacht ist es ein weiteres Indiz für die Diagnosestellung. Lesen Sie hier mehr über die Symptome bei Morbus Bechterew.
4. Komplettes Blutbild
Ein umfassendes Blutbild hilft dabei, allgemeine Anzeichen von Entzündungen und anderen Begleiterkrankungen zu erkennen. Diese Werte geben Aufschluss:
- Leukozyten (weiße Blutkörperchen): Erhöhte Werte deuten auf Entzündungen hin.
- Erythrozyten (rote Blutkörperchen): Niedrige Werte können eine Anämie (Blutarmut) aufdecken, die bei chronischen Entzündungen häufig vorkommt.
- Thrombozyten (Blutplättchen): Ein Anstieg kann ebenfalls ein Hinweis auf Entzündungsprozesse sein.
Gut zu wissen
Nicht jeder erhöhte Wert bedeutet automatisch Rheuma. Blutwerte müssen immer im Kontext von Symptomen und anderen Befunden interpretiert werden. Ein erfahrener Rheumatologe bzw. eine Rheumatologin ist hier der beste Ansprechpartner.
Wofür werden die Blutwerte genutzt?
Diagnosestellung
Die Kombination verschiedener Blutwerte hilft Ärzt:innen, Rheumaarten wie rheumatoide Arthritis oder Morbus Bechterew zu identifizieren. Zusätzlich ergänzen Anamnese, bildgebende Verfahren wie MRT und weitere Untersuchungen die Diagnose.
Krankheitsschwere und -verlauf
CRP und BSG sind wichtige Werte zur Messung der Aktivität der Erkrankung. Je höher die beiden Werte sind, desto aktiver ist die Erkrankung.
Auch die Schwere einer Organbeteiligung kann durch ein Blutbild eingeschätzt werden. Für die Niere ist beispielsweise der Kreatinin-Wert interessant. Jedoch steigt dieser erst spät an und erst dann, wenn die Niere schon zur Hälfte eingeschränkt ist.
Sehr viel empfindlicher sind Urinuntersuchungen. Diese zeigen schon früher eine eingeschränkte Nierenfunktion an. Die Blutwerte können auch Aufschluss über eine Beteiligung von u. a. Leber, Herz und Muskeln geben.
Therapieüberwachung
Regelmäßige Blutuntersuchungen zeigen, ob die Therapie wirkt oder Anpassungen erforderlich sind. Eine gut anschlagende Therapie geht mit einem Rückgang der Entzündungswerte (CRP und BSG) sowie der anderen oben erwähnten Blutwerte einher. Bei Organbeteiligung wird auch hier durch entsprechende Bluttests und/oder weitere Tests (z. B. Urintest) kontrolliert, ob sich die Organfunktion normalisiert.
Neben der Wirkung der Medikamente müssen auch die Nebenwirkungen überwacht werden. Viele Nebenwirkung sind subjektiv wahrnehmbar. Jedoch gibt es auch Nebenwirkungen, die der Patient bzw. die Patientin erstmal gar nicht wahrnimmt. Hier spielen Blutuntersuchungen eine umso wichtigere Rolle.
Therapie mit Cortison
Das wirksamste und häufigste antientzündliche Medikament ist das Cortison. Angestrebt wird immer eine möglichst niedrige Dosierung über einen möglichst kurzen Zeitraum. Manchmal sind jedoch höhere Dosen oder ein längerer Einnahmezeitraum nicht zu umgehen, wobei Nebenwirkungen auftreten können. Nicht alle davon sind sichtbar, viele lassen sich erst durch Blutuntersuchungen aufdecken. So zum Beispiel ein Blutzucker- und Cholesterinanstieg, veränderte Elektrolytwerte und eine erhöhte Leukozytenkonzentration. Außerdem wirkt Cortison immunsuppressiv, sodass bei höheren Dosen oft ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Auch hier helfen Bluttests, potenzielle Erreger im Blut nachzuweisen.
Neben Cortison spielen Immunsuppressiva, wie z. B. Methotrexat, Sulfasalazin, Leflunomid, Azathioprin und Biologika wie Adalimumab eine große Rolle in der Rheumatherapie. Viele dieser Immunsuppressiva beeinflussen das Blutbild. Zumeist finden hier zu Therapiebeginn häufige Blutuntersuchungen statt. Ziel ist es, die Nebenwirkungen zu identifizieren und gegebenenfalls die Therapie anzupassen, beispielsweise die Dosis zu verringern. Ist der Patient bzw. die Patientin medikamentös gut eingestellt, können Blutuntersuchungen weniger häufig vorgenommen werden.
Aufdecken und Kontrolle von Nebenleiden
Andere Krankheiten können Rheuma vortäuschen, so z. B. Schilddrüsenerkrankungen und bestimmte chronische Infektionen, wie Hepatitis B und C. Vor Beginn einiger Therapien müssen bestimmte Voruntersuchungen gemacht werden, um sicherzugehen, dass die Therapie angewendet werden darf.
Zum Beispiel muss vor Beginn einer Biologikatherapie ein Bluttest gemacht werden, um eine versteckte Lungentuberkulose auszuschließen. Auch auf chronische Infektionen wie Hepatitis B und C wird untersucht, bevor eine Therapie mit Immunsuppressiva begonnen wird. Bei Methotrexat wird vorher die Nierenfunktion getestet, da eine normale Nierenfunktion Voraussetzung für die Therapie ist.
Diabetes mellitus und hohe Cholesterinwerte sind Beispiele für Nebenleiden, die sich unter der Rheumatherapie (v. a. bei Cortison) verschlechtern können und daher regelmäßig mithilfe von u. a. Bluttests kontrolliert werden sollten.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Laborwerte ein wichtiger Pfeiler zur Diagnosestellung und Therapieüberwachung bei Rheuma sind. Allein die Laborwerte reichen jedoch nicht aus – etwa 10 bis 20 % der Menschen mit rheumatoider Arthritis und 50 % der Menschen mit Morbus Bechterew oder Psoriasis-Arthritis haben normale Blutwerte. Somit schließen normale Blutwerte eine rheumatische Erkrankung nicht aus. Daher führen Ärzt:innen immer ein Anamnesegespräch und ziehen bildgebende Verfahren sowie körperliche Untersuchungen hinzu, um die Erkrankung und Therapie anhand des Gesamtbilds beurteilen zu können.
- Welt Rheuma Tag (2017) Vortrag von Prof. Dr. E. Reinhold-Keller. „Rheuma & wie können uns Laborwerte helfen?“
- Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.: Skriptum Rheumatologie 3. Auflage 2023
- Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.: S2e-Leitlinie „Therapie der rheumatoiden Arthritis mit krankheitsmodifizierenden Medikamenten„
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![4[1] Louisa Löwe, pharmazeutische Expertin](https://www.apo.com/magazin/wp-content/uploads/2024/05/41-300x300.jpg)
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