Eine Multiple Sklerose (MS) beginnt bei den meisten Menschen mit MS häufig in Form einzelner, klar voneinander abgrenzbarer Schübe: Dabei verschlechtern sich die Symptome innerhalb kurzer Zeit oder es kommen plötzlich neue Beschwerden hinzu. Je früher der Schub behandelt wird, desto schneller können sich die MS-Symptome zurückbilden. Erfahren Sie hier, welche Medikamente und Verfahren bei der MS-Schubtherapie zum Einsatz kommen und wie die Behandlung abläuft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Multiple Sklerose verläuft oft in Form von Schüben, die mittels geeigneter Therapie gut behandelt werden können.
  • Die Behandlung der Schübe erfolgt durch eine Stoßtherapie mit entzündungshemmenden Medikamenten (Kortison). Je nach Bedarf kann darüber hinaus eine Blutwäsche (Plasmapherese oder Immunadsorption) erforderlich sein.
  • Schübe können sich zu Beginn der Erkrankung aber auch ohne Therapie selbstständig ganz oder zumindest teilweise wieder zurückbilden (Spontanremission). Eine ärztliche Abklärung sollte aber immer erfolgen.

Was versteht man unter einer Schubtherapie bei Multipler Sklerose (MS)?

Die Behandlung der Multiplen Sklerose beruht grundsätzlich auf drei Säulen:

  • Verlaufsmodifizierende Therapie (meist in Form einer Immuntherapie)

  • Symptomatische MS-Therapie inklusive Rehabilitation

  • Akute Schubtherapie

Sowohl verlaufsmodifizierende als auch symptomatische MS-Therapien sind als Langzeit-Behandlungen angelegt. Sie sollen den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, dem Auftreten von Schüben vorbeugen und vorhandene Beschwerden abmildern. Im Unterschied dazu handelt es sich bei der MS-Schubtherapie um eine kurzfristige Akut-Behandlung, die meist über drei bis fünf Tage erfolgt. Ihr Ziel ist es, einen MS-Schub zum Abklingen zu bringen.

Ein akuter MS-Schub kann sich durch Beschwerden wie Kribbeln, Taubheitsgefühle, Sehstörungen oder Lähmungen bemerkbar machen. Dahinter steckt ein verstärktes Entzündungsgeschehen im zentralen Nervensystem. Allerdings können plötzlich auftretende Beschwerden im Rahmen einer MS-Erkrankung auch andere Ursachen haben. Wichtig ist es daher, möglichst rasch ärztlichen Rat einzuholen. Bestätigt sich der Verdacht auf einen MS-Schub, kann im nächsten Schritt die passende Therapie eingeleitet werden.

Wie läuft die Schubtherapie bei Multipler Sklerose ab?

Zur Therapie eines akuten Schubs bei MS stehen im Wesentlichen zwei Methoden zur Verfügung: die Stoßtherapie mit entzündungshemmenden Medikamenten (Kortison) und die Blutwäsche (Plasmapherese oder Immunadsorption).

Stoßtherapie mit Kortison

Arzt erklärt Patientin etwasAls Standard-Behandlung gilt eine Stoßtherapie mit hochdosiertem Kortison (Methylprednisolon), das stark entzündungshemmend wirkt. In der Regel erfolgt die Gabe über eine Infusion für die Dauer von drei bis fünf Tagen hinweg. Alternativ steht der Wirkstoff auch in Tablettenform zur Verfügung. Wichtig ist es, möglichst schnell nach Auftreten der Beschwerden mit der Therapie zu beginnen.

Nach spätestens fünf Tagen ist die Behandlung normalerweise beendet und die Symptome klingen ab. Falls jedoch weiterhin Beschwerden bestehen, kann die Schubtherapie durch eine Wiederholung der Kortison-Infusionen eskaliert werden. Meist kommen hier noch höhere Dosen als bei der initialen Therapie zum Einsatz.

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Blutwäsche-(Apherese)

Trotz hochdosierter Kortisontherapie kann es mitunter vorkommen, dass sich die Beschwerden nicht bessern. In solchen Fällen kann eine sogenannte Apherese (umgangssprachlich Blutwäsche) durchgeführt werden. Bei dieser Behandlung wird Blut entnommen, von schädlichen Stoffen gereinigt und anschließend wieder zurück in den Körper geleitet. Die Blutwäsche kann auch dann sinnvoll sein, wenn Patient:innen die Stoßtherapie mit Kortison in der Vergangenheit nicht gut vertragen haben. Verschiedenen Studien zufolge sprechen rund 60 bis 80 Prozent derer, bei denen die Stoßtherapie mit Kortison nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat, gut auf eine Blutwäsche an.

Bei der Blutwäsche kommen zwei Verfahren zum Einsatz:

  • Plasmapherese (Plasmaaustausch): Dabei wird dem Patienten bzw. der Patientin über einen peripheren oder zentralnervösen Zugang (Hals- oder Armvene) kontinuierlich Blut entnommen. Anschließend wird mithilfe eines Membranplasmaseparators oder einer Zentrifuge das Blutplasma von den Blutzellen getrennt. Das abgetrennte Plasma wird dann verworfen und durch fremdes Plasma oder humanes Albumin ersetzt. Durch diesen Prozess werden alle im Blutplasma befindlichen autoimmunologischen (schädlichen) Antikörper und Entzündungsmediatoren (Entzündungen hervorrufende Stoffe) entfernt.

  • Immunadsorption: Bei diesem Verfahren wird gezielt nur eine bestimmte Stoffklasse (Immunglobulin G) aus dem Blut entfernt, die für das Entzündungsgeschehen eine zentrale Rolle spielt. Ein Ersatz durch Spender-Eiweiß ist nicht notwendig.

Beide Verfahren finden in der Regel stationär im Krankenhaus über mindestens fünf Behandlungen statt. Zwischen den einzelnen Behandlungen, können ein bis zwei Tage Pause liegen.

Welche Risiken und Nebenwirkungen sind bei der MS-Schubtherapie möglich?

In der Regel wird die Schubtherapie gut vertragen. Wie jede medizinische Behandlung kann sie aber eventuell Nebenwirkungen mit sich bringen. Zu den häufigsten möglichen Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der Kortison-Stoßtherapie zählen Magen-Darm-Beschwerden, Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen, Wassereinlagerungen und Gesichtsrötungen. Da Kortison die überschießende Reaktion des Immunsystems hemmt, sind Betroffene während und nach der Behandlung oft anfälliger für Infekte.

In bestimmten Situationen besteht ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen: Beispielsweise können sich Vorerkrankungen wie Diabetes oder Epilepsie durch Kortison verschlechtern. Unter einer engmaschigen medizinischen Betreuung kann bei etwaigen Auffälligkeiten aber rasch reagiert werden.

Mögliche Nebenwirkungen einer Blutwäsche sind Blutdruckschwankungen, Infektionen an der Punktionsstelle, Gerinnungsstörungen, Blutungen oder allergische Reaktionen auf Medikamente, die während der Behandlung verabreicht werden. Patient:innen werden daher während der stationären Behandlung laufend überwacht, so dass das medizinische Personal bei Bedarf umgehend reagieren kann.

Muss jeder MS-Schub behandelt werden?

Viele Menschen mit MS fragen sich: Muss bei einem akuten MS-Schub immer eine Therapie eingeleitet werden?

Auch wenn unser Körper in der Lage ist, in begrenztem Ausmaß Schäden an den Myelinscheiden selbst zu regenerieren (Remyelinisierung), so sollte dennoch jeder MS-Schub oder ein Verdacht darauf ernst genommen und ärztlich vorgestellt werden.

Treten plötzlich neue Symptome auf, so deutet dies meist auf ein aktuelles Entzündungsereignis hin (Schub). Zudem ist es wichtig, dass andere Ursachen für die Symptome ausgeschlossen werden können (Änderung der Körpertemperatur, Uhthoff-Phänomen oder Infektionen).

Im gemeinsamen Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin werden die Behandlungsoptionen individuell besprochen sowie Vor- und Nachteile der Schubtherapie sorgfältig gegeneinander abgewogen.

Wenn Sie als MS-Patient:in dennoch unsicher sind, ob Sie sich für oder gegen eine Behandlung entscheiden sollen, sprechen Sie etwaige Bedenken bitte offen im Gespräch an.

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