Vitamin D ist ein wichtiges Vitamin, das unter anderem zur Erhaltung normaler Knochen und zu einer normalen Funktion des Immunsystems beiträgt. Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, dass hohe Dosen von Vitamin D auch in der Behandlung von Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) eingesetzt werden könnten. Eine Studie an der Universitätsklinik Charité Berlin untersucht derzeit die Wirkung dieser speziellen Therapie. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Coimbraprotokoll – eine ärztlich überwachte Behandlungsmethode, die extrem hohe Dosen von Vitamin D in Kombination mit weiteren unterstützenden Maßnahmen einsetzt. Erfahren Sie hier mehr über die Grundlagen des Coimbraprotokolls, seine Kernbestandteile und wie es möglicherweise bei der Behandlung von MS helfen könnte.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der neutralen Information über das Coimbraprotokoll. Er stellt keine medizinische Beratung, Empfehlung oder Bewerbung dieser Methode dar. Eine Anwendung darf unter keinen Umständen ohne medizinische Begleitung erfolgen, da exzessive Vitamin-D-Dosen ohne engmaschige Kontrolle lebensgefährliche Nebenwirkungen haben können. Bitte konsultieren Sie immer Ihre behandelnde Neurologin oder Ihren behandelnden Neurologen, bevor Sie Therapieanpassungen vornehmen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Coimbraprotokoll basiert auf der Annahme, dass ein Vitamin-D-Mangel oder eine Vitamin-D-Resistenz bei Autoimmunerkrankungen eine Rolle spielen.
  • Ziel des Coimbraprotokolls ist es, durch sehr hohe Dosen von Vitamin D3 eine Remission (Rückgang von Krankheitssymptomen) bei MS und anderen Autoimmunerkrankungen zu erreichen.
  • Begleitende Maßnahmen sind eine kalziumarme Ernährung, eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr und strenge ärztliche Überwachung.
  • Die Methode ist wissenschaftlich nicht als Standardtherapie anerkannt und wird von medizinischen Fachgesellschaften aufgrund erheblicher Sicherheitsrisiken kritisch betrachtet.
  • Da das Protokoll nicht als Standardbehandlung anerkannt ist, müssen Patient:innen die Kosten selbst tragen.

Was ist das Coimbraprotokoll?

Das Coimbraprotokoll wurde von Dr. Cicero Galli Coimbra, einem Neurologen aus Brasilien, entwickelt. Das Protokoll basiert auf der Annahme, dass ein Vitamin-D-Mangel oder eine Resistenz gegen Vitamin D eine Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Autoimmunerkrankungen spielen könnte. Das Protokoll nutzt daher unter anderem extrem hohe Dosen von Vitamin D3 mit dem Ziel, das Immunsystem zu modulieren und so möglicherweise die Symptome von MS zu lindern.

Die Kernbestandteile des Coimbraprotokolls umfassen:

  • Hochdosiertes Vitamin D3: Ein Hauptbestandteil des Protokolls, der das Immunsystem regulieren soll.
  • Kalziumarme Ernährung: Um eine übermäßige Kalziumaufnahme und das Risiko einer Hyperkalzämie (erhöhter Kalziumspiegel im Blut) zu vermeiden, ist eine kalziumarme Ernährung notwendig, da hohe Vitamin-D-Dosen die Kalziumaufnahme aus dem Darm deutlich erhöhen. Dazu gehört die Reduzierung von Milchprodukten, Nüssen und Samen sowie der Verzicht auf grüne Smoothies.
  • Erhöhte Flüssigkeitszufuhr: Das Trinken von mindestens 2,5 Litern ungesüßter Getränke unterstützt die Nierenfunktion und hilft, überschüssiges Kalzium auszuscheiden.
  • Regelmäßige medizinische Überwachung und Laborkontrollen: Um die Sicherheit und Effektivität der Behandlung zu gewährleisten.
  • Lebensstilanpassungen: Dazu gehört eine gesunde Ernährung mit unverarbeiteten Lebensmitteln, wenig einfachen Kohlenhydraten aus Weißmehl und Zucker, wenig Alkohol sowie viel frischem Obst und Gemüse. Regelmäßige körperliche Aktivität ist ebenfalls wichtig. Geeignet sind z. B. Ausdauersportarten wie Walking oder moderates Krafttraining. Auch Stressprävention und die Fähigkeit zur Selbstberuhigung spielen eine wesentliche Rolle, die durch Meditation und gegebenenfalls Psychotherapie gefördert werden können.

Die Verbindung zwischen MS und Vitamin D

Autoimmunerkrankungen entstehen, wenn das Immunsystem des Körpers fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreift. Bei Multipler Sklerose greift das Immunsystem die Schutzschicht der Nervenfasern (Myelinschicht) an, was zu verschiedenen neurologischen (das Nervensystem betreffenden) Symptomen führen kann. Es ist bekannt, dass ein Mangel an Vitamin D mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung und das Fortschreiten von Autoimmunerkrankungen verbunden ist. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass bei einem Teil der Menschen mit Autoimmunerkrankungen eine Vitamin-D-Resistenz vorliegt. Das bedeutet, dass Vitamin D in diesen Fällen möglicherweise nicht effektiv im Körper wirkt, was im Rahmen entsprechender Hypothesen eine höhere Dosierung begründen soll.

Ziele des Coimbraprotokolls

Das übergeordnete Ziel des Coimbraprotokolls ist es, Autoimmunerkrankungen wie MS in eine Remission zu bringen, also in einen Zustand, in dem die Krankheitsaktivität und die Symptome deutlich nachlassen. Durch die Stabilisierung des Immunsystems soll verhindert werden, dass neue Schübe auftreten oder sich die Krankheit intensiviert. Langfristig besteht die Hoffnung, dass durch die Behandlung auch Schäden, die durch die Autoimmunreaktion entstanden sind, teilweise rückgängig gemacht werden können. Patient:innen, die sich in Remission befinden, könnten auf diese Weise ein weitgehend normales Leben führen.

Gut zu wissen

Da das Coimbraprotokoll auf sehr hohen Vitamin-D-Dosen basiert, ist es entscheidend, dass die Therapie unter strenger ärztlicher Aufsicht erfolgt. Eine mögliche Nebenwirkung ist die Hyperkalzämie, die durch veränderte Kalziumaufnahme entstehen kann. Um dies zu verhindern, sind eine kalziumarme Ernährung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und regelmäßige medizinische Kontrollen unerlässlich.

Risiken und medizinische Kontroversen

Das Coimbraprotokoll wird in der Fachwelt äußerst kontrovers diskutiert. Während Befürwortende von individuellen Erfolgen berichten, warnen medizinische Fachgesellschaften und Institutionen wie die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) vor den erheblichen gesundheitlichen Gefahren einer unkontrollierten Hochdosis-Therapie.

Die größten Risiken umfassen:

  • Hyperkalzämie: Ein lebensbedrohlich erhöhter Kalziumspiegel im Blut, der zu Herzrhythmusstörungen, Übelkeit, Verwirrtheit und im schlimmsten Fall zum Koma führen kann.
  • Nierenschäden: Die exzessive Ausscheidung von Kalzium kann zu Nierensteinen und dauerhaftem Nierenversagen führen.
  • Beeinträchtigung des Krankheitsverlaufs: Wenn etablierte Therapien zugunsten des Protokolls abgesetzt werden, besteht das Risiko eines schweren Schubes oder einer irreversiblen Verschlechterung.

Ausdrücklich nicht empfohlen wird das Protokoll für Patient:innen mit vorbestehenden Nierenerkrankungen, Störungen des Kalziumstoffwechsels (z. B. Hyperparathyreoidismus) oder während der Schwangerschaft ohne engste spezialisierte Begleitung. Eine „Selbsttherapie“ nach diesem Schema ist aufgrund der Toxizitätsgefahr bei Überdosierung strikt abzulehnen.

Gibt es wissenschaftliche Beweise?

Für viele Menschen mit Multipler Sklerose ist das Coimbraprotokoll mit Hoffnungen verbunden. Einzelne Erfahrungsberichte legen nahe, dass es möglicherweise zu einer Stabilisierung der Erkrankung und einer Linderung von Symptomen beitragen könnte.

Bislang fehlen jedoch umfassende wissenschaftliche Studien, die die Wirksamkeit des Coimbraprotokolls nach strengen medizinischen Kriterien bestätigen. Obwohl es positive Fallberichte gibt, reichen diese nicht aus, um das Protokoll als gesicherte Behandlungsmethode auszuweisen. Laufende Studien, wie die an der Charité in Berlin, sollen Klarheit darüber bringen, ob das Protokoll sicher und effektiv ist. Das Ziel dieser Studien ist es, die Sicherheit und Wirksamkeit des Protokolls unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen und zu bewerten, ob ein klinischer Nutzen für die Patient:innen nachweisbar ist.

Eine aktuelle Studie (JAMA, 2025) zeigt, dass hochdosiertes Vitamin D3 bei Patient:innen mit einem klinisch isolierten Syndrom (CIS) oder früher schubförmig-remittierender MS (relapsing-remitting MS, RRMS) die Krankheitsaktivität im Vergleich zu einer Standarddosis reduzieren kann. Wichtig ist jedoch: Die dort verwendeten Dosen (ca. 100.000 IE alle zwei Wochen) liegen weit unter den exzessiven Tagesdosen des Coimbraprotokolls und wurden unter kontrollierten Studienbedingungen verabreicht. Die Ergebnisse weisen auf mögliche Effekte von Vitamin D hin, lassen jedoch keine Rückschlüsse auf die Sicherheit oder Wirksamkeit des Coimbraprotokolls zu.

Wer trägt die Kosten für das Coimbraprotokoll?

Eine weitere wichtige Frage ist: Wer übernimmt die Kosten für diese Therapie? Da das Coimbraprotokoll nicht als Standardbehandlung anerkannt ist, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten nicht. Personen mit MS, die dieser Therapie eine Chance geben wollen, müssen daher die finanzielle Belastung selbst tragen oder alternativ an einer Studie teilnehmen.

Häufige Fragen zum Coimbraprotokoll

Das Coimbraprotokoll geht von einer individuell unterschiedlichen Vitamin-D-Verwertung aus, bei der genetische Faktoren eine Rolle spielen können. Eine möglicherweise verminderte Wirkung von Vitamin D soll mit sehr hohen Dosierungen ausgeglichen werden. Bislang wurden hierfür keine standardisierten Gentests etabliert.

Die im Protokoll verwendeten Dosen (oft über 100.000 IE täglich) überschreiten die von Fachgesellschaften empfohlenen Höchstmengen um das Hundertfache. Während moderate Dosen zur Knochengesundheit beitragen, bergen diese extremen Mengen ein hohes Risiko für akute Vergiftungserscheinungen.

Während eine Standard-Supplementierung lediglich einen Mangel ausgleicht, versteht sich das Coimbraprotokoll als eigenständige, hochdosierte Immuntherapie. Da es jedoch keine anerkannte Standardtherapie ist, ersetzt es nach Ansicht von Fachgesellschaften keinesfalls die evidenzbasierte verlaufsmodifizierende MS-Therapie.

Neben dem Vitamin-D-Spiegel (25-OH-D3) müssen vor allem der Kalziumspiegel im Blut und Urin sowie die Nierenwerte (Kreatinin, GFR) in sehr kurzen Abständen kontrolliert werden. Nur so lassen sich schleichende Nierenschäden oder eine beginnende Hyperkalzämie frühzeitig erkennen und lebensgefährliche Komplikationen verhindern.

Haftungsausschluss: Die hier bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Aufklärung und können eine individuelle ärztliche Beratung nicht ersetzen. Die apo.com Group übernimmt keine Haftung für Schäden, die aus der Anwendung der beschriebenen Methoden resultieren.

Geprüft durch unser pharmazeutisches Team

Felix Hoffman, pharmazeutischer Experte

„An der Pharmazie fasziniert mich am meisten, wie alles zusammenspielt. Von Zusammenhängen im Stoffwechsel hin zur Einnahme von Medikamenten. Wer sich damit auskennt, kann sein Leben positiv beeinflussen.“ 

Felix Hoffmann lebt für die Pharmazie und bringt eine große Expertise in der Beratung mit. Mit seinem fundierten Wissen garantiert er die hohen Qualitätsstandards der pharmazeutischen Inhalte auf apo.com. 

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