Capsaicin-Pflaster sind eine innovative Therapieform zur Behandlung von Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen). Aber auch Patient:innen mit Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Verspannungen profitieren von der schmerzlindernden Wirkung des natürlichen Wirkstoffs Capsaicin. In diesem Artikel erfahren Sie, was Capsaicin ist, wie Capsaicin-Pflaster wirken, welche Nebenwirkungen auftreten können und was Erfahrungsberichte von Patient:innen über deren Wirksamkeit verraten.
Das Wichtigste in Kürze
- Capsaicin-Pflaster schaffen Abhilfe bei Muskel- und Gelenkschmerzen. Sie stehen in Form von Wärmepflastern freiverkäuflich zur Verfügung.
- Verschreibungspflichtige höher dosierte Capsaicin-Pflaster werden bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt, z. B. bei postherpetischer Neuralgie oder diabetischer Neuropathie.
- Der Wirkstoff Capsaicin stammt aus der Chilischote und blockiert die Schmerzrezeptoren in der Haut.
- Nebenwirkungen sind meist lokal begrenzt, wie Hautreizungen oder Brennen.
- Erfahrungsberichte zu Qutenza®, einem verschreibungspflichtigen Capsaicin-Pflaster, zeigen eine deutliche Schmerzreduktion bei vielen Patient:innen.
Was ist Capsaicin?
Capsaicin ist ein natürlich vorkommender Pflanzenstoff, der hauptsächlich in verschiedenen Arten der Gattung Capsicum, wie Chili und Paprika, zu finden ist. Er ist der Hauptbestandteil, der für die Schärfe dieser Pflanzen verantwortlich ist. Der Pflanze dient Capsaicin einerseits zum Schutz vor Fressfeinden und Krankheiten und andererseits zur Fortpflanzung. Capsaicin wirkt nämlich als natürlicher Abwehrstoff gegen Säugetiere, die die Früchte fressen könnten. Es hat auch antimikrobielle Eigenschaften, die der Pflanze helfen, sich gegen Pilzinfektionen und andere Krankheiten zu schützen.
Wie wirkt Capsaicin?
Capsaicin wirkt schmerzstillend. Seine Wirkung beruht auf seiner Bindung an einen speziellen Rezeptor in unserer Haut, den TRPV1-Rezeptor. TRPV1 steht für Transient Receptor Potential Vanilloid 1. Dieser Rezeptor ist hauptsächlich in Nervenzellen zu finden, die für das Spüren von Schmerz zuständig sind. TRPV1 wird durch verschiedene Reize aktiviert, wie zum Beispiel:
- Hohe Temperaturen: Wenn es heißer als 42 °C wird, reagiert TRPV1 und signalisiert Schmerz.
- Säure: Wenn der pH-Wert niedrig ist (also sauer), wird der Rezeptor ebenfalls aktiviert.
- Chemische Substanzen: Zum Beispiel Capsaicin aktiviert TRPV1.
Wenn TRPV1 aktiviert wird, öffnet sich ein Kanal in der Nervenzelle, durch den Calcium- und Natriumionen eindringen. Dieser Vorgang wird als Depolarisation bezeichnet. Man könnte sagen, dass die Nervenzelle „aktiviert“ wird. Sie sendet ein elektrisches Signal ans Rückenmark, das Schmerzsignal. Das Rückenmark verarbeitet das Schmerzsignal und leitet es an das Gehirn weiter. Bestimmte Bereiche im Gehirn regulieren dann körperliche Funktionen wie Atmung und Blutdruck in Reaktion auf den Schmerz. Andere Bereiche veranlassen ein Ausschütten von Stresshormonen. In der Großhirnrinde wiederum wird der Schmerz bewusst wahrgenommen und bewertet. All das ermöglicht es dem Körper, auf den Schmerz zu reagieren und Schutzmaßnahmen zu ergreifen. TRPV1 ist also ein wichtiger Sensor für Schmerzen und hilft dem Körper zu erkennen, wenn etwas schädlich ist, sodass der Körper darauf reagieren kann.
Gut zu wissen
Oft erfolgt eine Reflexreaktion, bevor der Schmerz überhaupt bewusst wahrgenommen wurde. Berührt man zum Beispiel eine heiße Herdplatte, ziehen wir unsere Hand unwillkürlich zurück, noch bevor das Gehirn den Schmerz überhaupt registriert. Die Reflexreaktion ist so schnell, weil sie den Umweg über das Gehirn umgeht: Wie oben beschrieben, wird das Schmerzsignal von der Nervenzelle in der Hand an das Rückenmark geleitet, das das Schmerzsignal normalerweise verarbeitet und ans Gehirn weiterleitet. Gleichzeitig jedoch wird das Schmerzsignal über den sogenannten Reflexbogen direkt und sofort vom Rückenmark an motorische Neurone (=Bewegungsneurone, Neurone, die Bewegungen veranlassen) weitergeleitet. Die motorischen Neurone sind mit Muskeln verbunden und veranlassen so ein sofortiges Zurückziehen der Hand, noch bevor das Schmerzsignal das Gehirn erreicht und dort verarbeitet wurde. Dadurch kann der Körper sofort auf gefährliche Situationen reagieren und potenzielle Schäden vermeiden.
Die schmerzstillende Wirkung von Capsaicin beruht auf der sogenannten Desensibilisierung. Sie funktioniert folgendermaßen:
- Aktivierung: Capsaicin bindet an den TRPV1-Schmerzrezeptor. Das führt dazu, dass der Rezeptor aktiviert wird und ein Schmerzsignal an das Gehirn sendet.
- Schmerzwahrnehmung: Zunächst spürt man ein brennendes Gefühl oder Schmerz.
- Desensibilisierung: Bei wiederholter Anwendung von Capsaicin gewöhnt sich der Körper daran. Die Rezeptoren werden weniger empfindlich, und die Nerven senden weniger Schmerzsignale. Das bedeutet, dass man weniger oder gar keinen Schmerz mehr spürt.
Wie werden Capsaicin-Pflaster angewendet?
Capsaicin wird in vielen freiverkäuflichen Wärmepflastern verwendet. So zum Beispiel im ABC Wärme-Pflaster. Aber auch in Wärmecremes und -salben ist Capsaicin enthalten, zum Beispiel in der ABC Wärme-Creme oder der Kytta Wärmecreme. Sie dienen u. a. der lokalen Schmerzlinderung bei muskulären Beschwerden im Rücken- und Schulterbereich oder Muskelverspannungen.
Gut zu wissen
In vielen freiverkäuflichen Wärmepflastern, -cremes und -salben werden Sie Nonivamid als Wirkstoff vorfinden. Zum Beispiel in den ABC Wärme-Pflastern mit Sensitive-Vlies oder der Finalgon Wärmesalbe DUO. Auch sie werden u. a. zur Linderung von Muskel- und Gelenkschmerzen eingesetzt. Bei Nonivamid handelt es sich um ein synthetisches Analogon des natürlichen Capsaicins. Es wird auch als synthetisches Capsaicin oder Pseudocapsaicin bezeichnet. Ein synthetisches Analogon ist ein künstlich im Labor hergestellter Stoff, der einem natürlich vorkommenden Stoff sehr ähnlich ist. Man kann es sich wie einen „künstlichen Zwilling“ vorstellen.
Bei der Anwendung von Wärmepflastern gibt es einiges zu beachten:
- Das Pflaster darf nur auf intakte Haut aufgetragen werden (keine Verbrennungen, Verletzungen, Entzündungen, Ekzeme).
- Die Hände sollten nach Gebrauch gründlich gereinigt werden.
- Es sollten mindestens 12 Stunden Pause zwischen Anwendungen an der gleichen Stelle eingehalten werden.
- Es sollte nicht mit anderen lokalen Präparaten kombiniert werden.
- Es sollte ohne ärztliche Konsultation maximal 3 Wochen angewendet werden.
- Vermieden werden sollten:
- Berührungen mit Augen, Schleimhäuten und offenen Wunden.
- starke körperliche Aktivitäten mit Schwitzen während der Anwendung.
- zusätzliche Wärmequellen (z. B. Sonne, Heizkissen)
Welche Nebenwirkungen haben Capsaicin-Pflaster?
Capsaicin-Pflaster gelten als sicher. Aufgrund der lokalen Applikation führen sie kaum zu systemischen Nebenwirkungen. Stattdessen beschränken sich die Nebenwirkungen meist auf die behandelte Hautstelle. Dort können vorübergehend und lokal Brennen, Schmerzen, Rötung und Juckreiz auftreten.
Qutenza® gegen neuropathische Schmerzen
Neben den freiverkäuflichen Wärmepflastern gibt es auch das höher dosierte und verschreibungspflichtige Capsaicin-Pflaster Qutenza®. Qutenza® wird zur Behandlung von peripheren neuropathischen Schmerzen bei Erwachsenen angewendet. Neuropathische Schmerzen sind eine Folge von Nervenschädigungen, die durch verschiedenste Ursachen bedingt sind. Ein Beispiel ist die diabetische Polyneuropathie, bei der langanhaltend erhöhte Blutzuckerspiegel zu Ablagerungen schädlicher Zuckerverbindungen, Durchblutungsstörungen und oxidativem Stress in den Nerven führen. Dadurch wird die Funktion der Nerven beeinträchtigt und es kommt zu Nervenschäden mit den damit verbundenen Schmerzen. In unserem Beitrag zur diabetischen Polyneuropathie können Sie genauer nachlesen, welche Neuropathieformen es gibt, durch welche Symptome sie sich äußern und welche Behandlungsoptionen zur Auswahl stehen.
Im Gegensatz zu den freiverkäuflichen Capsaicin-Pflastern ist Qutenza® höher dosiert (8 % Capsaicin) und wird daher nur durch medizinisches Fachpersonal unter ärztlicher Aufsicht angewendet. Die Behandlung erfolgt in gut belüfteten Räumen und unter Schutzmaßnahmen des behandelnden Personals. Um den Kontakt mit dem Capsaicin-haltigen Pflaster auf ein Minimum zu reduzieren, tragen sie Handschuhe, Mundschutz und Schutzbrille. Vor der Anwendung wird das betroffene intakte Hautareal markiert, gereinigt und getrocknet. Bei Bedarf kann vorher ein betäubendes Lokalanästhetikum aufgetragen werden. Das Pflaster wird entweder für 30 (an den Füßen) oder 60 Minuten (an anderen Körperstellen) angewendet. Danach wird das beigefügte Reinigungsgel aufgetragen und nach Einwirkung abgewischt. Die Behandlung kann alle 90 Tage wiederholt werden.
Welche Erfahrungen machen Patient:innen mit Capsaicin-Pflastern?
Erfahrungsberichte zu Capsaicin-Pflastern wie Qutenza® zeigen, dass viele Patient:innen von der Behandlung profitieren. Das Capsaicin-Pflaster wurde zuerst 2010 in großen Studien mit über 1600 Patient:innen getestet. Es zeigte sich sehr wirksam bei der Behandlung von Nervenschmerzen, besonders bei Gürtelrose-Schmerzen und HIV-bedingten Nervenschmerzen. Die Studienteilnehmer:innen berichteten von einer schnellen und langanhaltenden Schmerzlinderung nach nur einer 30- oder 60-minütigen Anwendung. 44 % der Gürtelrose-Patienten hatten nach 12 Wochen deutlich weniger Schmerzen (mindestens 30 % Verbesserung). 55 % der Patienten fühlten sich auch 3 Monate nach der Behandlung noch besser. Die Wirkung erzielte Qutenza® allein oder zusammen mit anderen Schmerztherapien. Die Ergebnisse dieser Studie waren die Grundlage für die Zulassung des Arzneimittels seitens der European Medicines Agency.
Fazit
Capsaicin-Pflaster sind eine effektive Möglichkeit zur lokalen Schmerzlinderung bei muskulären Beschwerden im Rücken- und Schulterbereich oder Muskelverspannungen, und im Falle von Qutenza® auch von Nervenschmerzen. Sie bieten eine gezielte lokale, langanhaltende Schmerzlinderung und sind eine gute Alternative zu herkömmlichen Schmerzmitteln. Zwar können lokale Nebenwirkungen wie Brennen und Hautreizungen auftreten, diese sind jedoch meist vorübergehend.
- Schmidt, R. F., Lang, F. & Heckmann, M. (2011). Physiologie des Menschen: Mit Pathophysiologie. Springer-Verlag.
- Prof. Dr. Thomas Tölle, München; Priv.-Doz. Dr. Rainer Freynhagen, Düsseldorf: „Qutenza (kutanes Pflaster mit 8% Capsaicin) – eine neue Therapieoption zur Behandlung von peripherem neuropathischem Schmerz“; Frankfurt, 19. März 2010, veranstaltet von der Astellas Pharma GmbH, München.
- European Medicines Agency (EMA): „Qutenza Produktinformationen“; veröffentlicht: 16.11.2009, zuletzt geändert: 04.12.2023.
- Fachinformation von Qutenza® 179 mg kutanes Pflaster der Firma Grünenthal GmbH, Stand: Oktober 2023.
- Beipackzettel von Qutenza® 179 mg kutanes Pflaster der Firma Grünenthal GmbH, Stand: Mai 2023
Geprüft durch unser pharmazeutisches Team
![4[1] Louisa Löwe, pharmazeutische Expertin](https://www.apo.com/magazin/wp-content/uploads/2024/05/41-300x300.jpg)
„Die Pharmazie kennt keinen Stillstand – das ist es, was mich so daran fasziniert. Jeden Tag werden spannende neue Wirkstoffe und Behandlungsmöglichkeiten für Krankheiten entdeckt.“
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