Multiple Sklerose (MS) bringt viele Herausforderungen mit sich, doch besonders belastend sind oft die chronischen Symptome. Viele Menschen mit MS erleben körperliche oder psychische Beeinträchtigungen, die individuell sehr unterschiedlich sein können. Durch gezielte symptomatische Therapien kann aber Betroffenen geholfen werden. Diese Therapieformen umfassen eine breite Palette von Maßnahmen, die über die reine Medikation hinausgehen und individuell auf die Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt werden müssen. Außerdem soll die Therapie helfen, körperliche und geistige Fähigkeiten durch kontinuierliches Training zu erhalten. Erfahren Sie, welche Symptome bei Multipler Sklerose auftreten können und welche verschiedenen medikamentösen sowie nicht-medikamentösen Therapieansätze infrage kommen, um zur Linderung der Symptome beizutragen. 

Das Wichtigste in Kürze 

  • Die symptomatische Therapie bei MS zielt darauf ab, die Lebensqualität zu verbessern, indem sie spezifische Symptome lindert und so den Alltag der Betroffenen erleichtert. 
  • Es gibt sowohl nicht-medikamentöse als auch medikamentöse Ansätze, wobei die Basis der Behandlung oft in physikalischen Therapien wie Physiotherapie und Ergotherapie besteht. Diese werden durch Medikamente ergänzt, wenn nötig. 
  • MS kann eine Vielzahl von Symptomen verursachen, darunter Fatigue, Spastiken, Blasenstörungen, Sehstörungen und kognitive Beeinträchtigungen, die jeweils unterschiedliche Behandlungsansätze erfordern. 
  • Jedes dieser Symptome sollte individuell mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden, um die passende Therapie zu finden. 
  • Die richtige Kombination aus Therapien, ob medikamentös oder nicht, hängt von den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen ab und erfordert eine enge Zusammenarbeit mit dem medizinischen Fachpersonal. 

Was ist eine symptomatische Therapie bei MS? 

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem das zentrale Nervensystem angreift. Dadurch kommt es zu Entzündungen und Schäden an der Myelinschicht, was die Übertragung von Nervenimpulsen beeinträchtigt. Dies kann eine Vielzahl von Symptomen hervorrufen. 

Die Behandlung von MS basiert auf drei Säulen:  

Mit der Schubtherapie werden akute Schübe behandelt, während die verlaufsmodifizierende Langzeittherapie darauf abzielt, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Die symptomatische Therapie hingegen konzentriert sich auf die Linderung der einzelnen Symptome, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dabei wird die Behandlung individuell auf die Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmt, um trotz der Erkrankung ein möglichst aktives und erfülltes Leben zu ermöglichen. 

Die symptomatische Therapie umfasst nicht nur Medikamente, sondern auch physikalische Therapien wie Physiotherapie und Ergotherapie. Da die meisten dieser Medikamente verschreibungspflichtig sind, ist es wichtig, immer eine Ärztin oder einen Arzt zu konsultieren, um den passenden Behandlungsweg zu finden. Psychologische Unterstützung, eine Ernährungsberatung, regelmäßige Bewegung und die Nutzung von Hilfsmitteln sind ebenfalls wichtige Bestandteile. Durch die Kombination verschiedener Therapien können oft die besten Ergebnisse erzielt werden. 

Im Folgenden werden einige der häufigsten Symptome von MS und deren Behandlungsmöglichkeiten näher erläutert. 

Fatigue bei MS 

Fatigue, die chronische Erschöpfung, gehört zu den häufigsten und belastendsten Symptomen der MS. Sie kann durch gezielte Maßnahmen gemildert werden. Fatigue bei MS ist mehr als eine normale Müdigkeit; sie äußert sich durch extreme Schwäche und Erschöpfung, die sich im Tagesverlauf intensiviert. Diese Müdigkeit betrifft sowohl geistige als auch körperliche Fähigkeiten und wird oft durch Wärme verstärkt. Das Ziel der Therapie ist, die Fatigue zu lindern, damit Betroffene den Alltag wieder besser bewältigen können. Folgende Optionen bieten sich an: 

  • Nicht-medikamentöse Ansätze: Regelmäßige Ruhepausen, körperliches Training (insbesondere Ausdauersport), Rehabilitationsmaßnahmen, Körperkühlung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr stehen im Vordergrund der Therapie und tragen dazu bei, die Belastbarkeit zu erhöhen und die Symptome der Fatigue zu mindern. Sie sind häufig effektiver und haben keine oder nur wenige Nebenwirkungen. Im Einzelfall können aber auch ergänzend rezeptpflichtige Medikamente sinnvoll sein. 

  • Amantadin: Dieses kann bei MS die Energie steigern und die Erschöpfung verringern. Bei Menschen mit schweren Herz-und Nierenproblemen ist Amantadin nicht anzuwenden. Nebenwirkungen können Nervosität, Schlafstörungen, Herzrasen und Schwindel sein. 

  • 4-Aminopyridin: Ursprünglich ein Medikament, das die Funktion von Nervenzellen unterstützt, verbessert es die Signalübertragung in geschädigten Nervenfasern. Dieses kann bei MS verschrieben werden, um den Antrieb zu steigern. Es sollte nicht bei Herzrhythmusstörungen und Krampfanfällen eingesetzt werden. Nebenwirkungen sind Benommenheit, Übelkeit und Missempfindungen. 

  • Modafinil: Wird zur Behandlung von plötzlichen Schlafanfällen (Narkolepsie) benutzt und trägt bei MS dazu bei, die Wachheit und Konzentration zu verbessern. Es ist ungeeignet bei Leber- und Nierenproblemen, Bluthochdruck und Herzkrankheiten. Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Nervosität. 

Spastiken bei MS 

Unter einer Spastik versteht man eine erhöhte Muskelspannung, die durch eine Schädigung der Nervenverbindungen im Gehirn und Rückenmark verursacht wird. Diese Muskelspannung kann zu Schmerzen, Muskelsteifigkeit, Verkrampfungen und sogar Muskelverkürzungen führen, was die Gehfähigkeit und Beweglichkeit beeinträchtigen kann. Ziel der Therapie ist es, die Bewegungsfähigkeit zu verbessern, Schmerzen zu lindern und Folgeschäden wie Muskel- und Sehnenverkürzungen zu verhindern. Es gibt medikamentöse und nicht-medikamentöse Ansätze: 

  • Nicht-medikamentöse Ansätze: Diese bilden die Basistherapie. Regelmäßige Physiotherapie, die auf speziellen Bewegungen basiert, motorgetriebene Fahrräder, Laufbandtherapie und Hilfsmittel wie Schienen und Gehhilfen können die Beweglichkeit verbessern und die Symptome der Spastik lindern. Bei schweren Fällen mit plötzlichen, starken Muskelkrämpfen (Spasmen) können Medikamente unterstützend zur Physiotherapie eingenommen werden.  

  • Baclofen: Ursprünglich zur Senkung des Muskelwiderstands entwickelt (Muskelrelaxans), können diese Tabletten eingenommen werden, um Spastiken zu reduzieren. Nebenwirkungen können Müdigkeit und eine verringerte Muskelspannung in weniger betroffenen Muskelgruppen sein. Das Medikament sollte nicht bei schweren Nierenproblemen oder Epilepsie eingesetzt werden. 

  • Cannabis-Mundsprays: Solche Sprays können verwendet werden, um Spastiken zu lindern, indem sie die Reizweiterleitung im zentralen Nervensystem beeinflussen. Nebenwirkungen können Schwindel und Müdigkeit sein. Sie sind nicht geeignet bei schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen und während der Schwangerschaft. 

  • 4-Aminopyridin: Dieser bereits zuvor erwähnte Arzneistoff kann die Signalübertragung zwischen Nervenzellen und Muskeln verbessern, die Muskelkraft stärken und somit auch die Gehfähigkeit fördern. Das Medikament kann als Tablette eingenommen werden und Nebenwirkungen wie Harnwegsinfekte und Schlaflosigkeit verursachen. Nicht geeignet bei Herzrhythmusstörungen und Epilepsie. 

Blasenstörungen bei MS 

Blasenstörungen sind häufige Begleiterscheinungen bei MS und kommen bei bis zu 80 % der Betroffenen vor. Diese resultieren oft aus Schädigungen des Rückenmarks und können von häufigem Harndrang bis zu verzögerter Blasenentleerung reichen. Eine frühe Erkennung und Behandlung sind wichtig, um Folgeschäden zu vermeiden. Ziel der Therapie ist die Normalisierung der Blasenfunktion und Vermeidung von Komplikationen. Es gibt medikamentöse und nicht-medikamentöse Optionen: 

  • Nicht-medikamentöse Ansätze: Regelmäßiges Trinken (ca. 2 Liter täglich), vorbeugende Toilettengänge, Kontrolle von Trink- und Urinmengen sowie Beckenbodengymnastik stellen die Basistherapie dar. In schweren Fällen, begleitet von plötzlichen Muskelkrämpfen (Spasmen), können Medikamente zusätzlich zur Physiotherapie eingesetzt werden, um die Symptome zu lindern. 

  • Anticholinergika: Medikamente wie Oxybutynin reduzieren das übermäßige Zusammenziehen der Blase, können jedoch Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Verstopfung verursachen. Sie sind nicht für Menschen mit Glaukom geeignet. 

  • Alphablocker: Wirkstoffe wie Tamsulosin wirken, indem sie den Blasenschließmuskel entspannen. Nebenwirkungen umfassen Schwindel und Blutdrucksenkung, weshalb sie bei Personen mit Herz- oder Nierenproblemen nicht angewendet werden sollten. 

  • Desmopressin: Es verringert vorübergehend die Urinproduktion, kann jedoch Schwäche und Kopfschmerzen verursachen. Bei Herzmuskelschwäche ist dieses Medikament nicht geeignet. 

  • Botulinumtoxin (Botox): Wird direkt in den Blasenmuskel injiziert, um Inkontinenz zu verringern, wobei die Wirkung mehrere Monate anhält. 

Um mehr über die Ursachen und Behandlung von Inkontinenz zu erfahren, lesen Sie unseren Beitrag dazu. 

Sehstörungen bei MS 

Sehstörungen sind häufige Symptome bei MS, verursacht durch Sehnerv-Entzündungen oder Entzündungen der Hirnnerven. Eine Sehnerv-Entzündung führt zu verminderter Sehschärfe, verschwommenem Sehen, veränderter Farbwahrnehmung und Augenschmerzen. Entzündungen der Hirnnerven können Augenbewegungsstörungen wie Doppelbilder, Verschwommensehen und Augenzittern (Nystagmus) verursachen. Etwa ein Drittel der Personen mit MS erlebt Sehstörungen als Erstsymptom. Ziel der Therapie ist die Verbesserung der Sehkraft und die Verminderung von Doppelbildern und Verschwommensehen: 

  • Nicht-medikamentöse Ansätze: Diese Maßnahmen sind nur wirksam, wenn Sehstörungen im Zusammenhang mit Wärmebelastung (Uhthoff-Phänomen) oder körperlicher Anstrengung auftreten. Verhaltensänderungen, die auf eine Kühlung abzielen, können in solchen Fällen zur Linderung beitragen. 

  • Kortison-Infusionen: Diese werden häufig bei einer akuten Sehnerv-Entzündung während eines MS-Schubs eingesetzt. Kortison hilft, die Entzündung zu verringern, was Folgeschäden minimiert und die Erholung beschleunigt. Mögliche Nebenwirkungen sind erhöhter Blutdruck, erhöhter Blutzuckerspiegel und Stimmungsschwankungen. 

  • Gabapentin: Dieses Medikament wirkt, indem es die Übertragung von Nervenimpulsen hemmt, was Nervenreizungen reduziert und bei Augenbewegungsstörungen helfen kann. Nebenwirkungen können Müdigkeit, Schwindel und Gewichtszunahme sein. Es ist nicht geeignet bei Nierenproblemen. 

  • Memantin: Memantin blockiert die schädlichen Wirkungen von Glutamat, einem Botenstoff im Gehirn, der bei Überaktivierung Nervenschäden verursachen kann. Es kann bei Augenbewegungsstörungen eingesetzt werden. Nebenwirkungen sind Schwindel, Kopfschmerzen und Verstopfung. Bei schweren Leberproblemen sollte es nicht eingenommen werden. 

  • Baclofen: Dieses Medikament reduziert Muskelverspannungen und wird auch bei Augenbewegungsstörungen eingesetzt, die mit Muskelspastiken einhergehen. Nebenwirkungen umfassen Müdigkeit und eine allgemeine Schwächung der Muskulatur. Nicht geeignet bei Epilepsie oder Nierenproblemen. 

Hinweis: 

Eine plötzliche Verschlechterung des Sehvermögens sollte umgehend von einer Augenärztin oder einem Augenarzt bzw. einer Neurologin oder einem Neurologen untersucht werden, da sie möglicherweise nicht nur auf MS zurückzuführen ist. Vorübergehende Sehprobleme oder Störungen der Augenbewegung könnten ebenfalls durch das Uhthoff-Phänomen verursacht werden. 

Kognitive Störungen 

Kognitive Störungen bei MS umfassen verschiedene geistige Funktionen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Problemlösung. Etwa 40 % der Personen mit MS sind davon betroffen, oft schon früh im Krankheitsverlauf. Ziel der symptomatischen Therapie bei MS ist es, die Lebensqualität zu steigern, indem kognitive Fähigkeiten verbessert und der Alltag erleichtert werden:

  • Nicht-medikamentöse Therapie: Diese bildet die Grundlage der symptomatischen Behandlung bei MS. Durch gezieltes Training und Anpassungen im Alltag, wie neuropsychologische Übungen, sollen kognitive Funktionen verbessert und der Alltag erleichtert werden. Hierzu gehören restitutive Übungen (Wiederherstellung geschwächter Funktionen, z. B. Aufmerksamkeitstraining), Kompensationsstrategien (Anpassung des Verhaltens und Zeitmanagements) und Umweltanpassungen (z. B. Verwendung von Gedächtnisstützen, Kalendern oder speziellen Apps zur Unterstützung im Alltag). Eine integrative Therapie kombiniert all diese Ansätze, um die Lebensqualität zu steigern. 

  • Medikamentöse Therapie: Es gibt nur wenige Studien zur medikamentösen Behandlung kognitiver Störungen bei MS. Bei aktiven Schüben kann eine immunmodulatorische Therapie, wie Interferon-beta (ein Medikament, das das Immunsystem beeinflusst), helfen, kognitive Einschränkungen zu stabilisieren. Die gezielte Behandlung dieser Symptome mit Medikamenten ist kaum erforscht, aber in schweren Fällen oder ergänzend zu nicht-medikamentösen Ansätzen kann Donepezil (ein Mittel zur Verbesserung der Gehirnfunktion) eingesetzt werden. Dabei können jedoch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Albträume und verstärkte Spastiken auftreten. 

Schmerzen bei MS 

Die meisten Menschen erleben gelegentlich Schmerzen, aber Personen mit MS sind häufiger davon betroffen. Sie entstehen entweder direkt infolge der Erkrankung, beispielsweise durch Entzündungen im Nervensystem, oder indirekt durch MS-Symptome wie Spastiken, Fehlhaltungen, eingeschränkte Beweglichkeit oder als Nebenwirkung der verlaufsmodifizierenden Therapien. Auch Medikamente wie Interferone können Schmerzen verursachen. Lesen Sie hier mehr über die verschiedenen Schmerzarten bei MS. 

Die Therapie zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, um die Beweglichkeit und Leistungsfähigkeit zu verbessern. Die symptomatische Behandlung hängt von der Art des Schmerzes ab: 

  • Anfallsartige Schmerzen: Diese plötzlich auftretenden, starken Schmerzen können gut mit Medikamenten behandelt werden, die normalerweise zur Kontrolle von Anfällen eingesetzt werden. Dazu gehören Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin oder Pregabalin. Diese Medikamente wirken, indem sie die überaktiven Nerven beruhigen, die die Schmerzen verursachen. Alle diese Medikamente sind als Tabletten erhältlich und die Dosierung wird individuell angepasst. 

  • Chronische schmerzhafte Missempfindungen: Anhaltende und unangenehme Empfindungen, wie ein brennendes oder kribbelndes Gefühl, können mit Amitriptylin behandelt werden, einem Medikament, das ursprünglich gegen Depressionen entwickelt wurde, aber auch hilft, die Nervenaktivität zu dämpfen. Auch Antiepileptika wie Gabapentin können hier hilfreich sein, da sie die Nervensignale, die die Schmerzen auslösen, reduzieren. Diese Medikamente gibt es ebenfalls als Tabletten und die Dosierung wird individuell festgelegt. 

  • Gelenk-, Muskel- und Rückenschmerzen: Diese Schmerzen lassen sich oft durch physiotherapeutische Übungen lindern, die dabei helfen, die Muskulatur zu stärken und die Beweglichkeit zu verbessern. Zusätzlich können entzündungshemmende Medikamente wie Diclofenac eingesetzt werden, um Entzündungen zu reduzieren und damit Schmerzen und Schwellungen zu lindern. Diclofenac ist nicht nur als Tablette erhältlich, sondern auch als Salbe oder Gel zum Einreiben der Gelenke sowie als Zäpfchen. 

  • Nebenwirkungen der MS-Therapie: Bei manchen Menschen können die Medikamente, die zur Behandlung der MS eingesetzt werden, selbst Schmerzen verursachen, wie zum Beispiel Kopfschmerzen oder Muskelschmerzen. Diese Schmerzen können oft gut mit Ibuprofen behandelt werden, das hilft, die Schmerzen zu lindern und Entzündungen zu reduzieren. 

Depression bei MS 

Man vermutet, dass eine Depression bei MS durch Störungen bestimmter Botenstoffe im Gehirn verursacht wird. Diese Störungen beeinträchtigen nicht nur das Gefühlsleben, sondern auch die Leistungs- und Urteilsfähigkeit. Darüber hinaus sorgen Sie im Körper für Symptome wie Schmerzen, Schlaflosigkeit und Verdauungsstörungen. Auch die Alltagshürden, die mit einer MS-Erkrankung einhergehen, spielen dabei eine Rolle. Das Risiko für eine Depression bei MS-Patient:innen liegt zwischen 50-70 %. 

Die Psychotherapie bildet die Basistherapie bei Depressionen und ist besonders bei leichten bis mittelschweren Depressionen wirksam. Bei schweren Fällen können Medikamente unterstützend zur Therapie eingenommen werden: 

  • Nicht medikamentöse Ansätze: Dazu gehört die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die darauf abzielt, negative Denkmuster zu verändern und die Lebensfreude wiederherzustellen. Patienten lernen, problematische Gedanken zu erkennen und durch positivere Alternativen zu ersetzen, was ihnen hilft, besser mit alltäglichen Herausforderungen umzugehen und ihre Stimmung zu verbessern. Ebenfalls wichtig ist die interpersonelle Therapie (IPT), die sich auf zwischenmenschliche Beziehungen konzentriert. Durch Rollenspiele und Gesprächstechniken werden Kommunikationsfähigkeiten gestärkt und Beziehungsprobleme bearbeitet, was zur Verbesserung der sozialen Interaktionen und einer Reduktion depressiver Symptome führt.  

  • Antidepressiva: Wenn Psychotherapie allein nicht ausreicht und die Symptome bestehen bleiben, kann die Einnahme von Antidepressiva in Absprache mit einem Arzt oder einer Ärztin hilfreich sein. Antidepressiva sind Medikamente, die die Stimmung verbessern, indem sie das Gleichgewicht bestimmter Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn wiederherstellen. Diese Medikamente wirken auf verschiedene Weise und haben unterschiedliche Nebenwirkungen:

    • Fluoxetin und Sertralin: Diese gehören zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Sie erhöhen den Serotoninspiegel im Gehirn, was die Stimmung stabilisieren kann. Mögliche Nebenwirkungen sind Unruhe, Übelkeit und Schlafstörungen. 
    • Venlafaxin: Ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), der sowohl Serotonin als auch Noradrenalin erhöht. Diese Botenstoffe beeinflussen die Stimmung und Energie. Nebenwirkungen können Unruhe und Müdigkeit sein. 
    • Imipramin, Amitriptylin, Desipramin: Diese gehören zu den trizyklischen Antidepressiva (TCA). Sie wirken, indem sie Serotonin und Noradrenalin im Gehirn erhöhen, aber sie können Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Schwindel und Gewichtszunahme verursachen. 
    • Moclobemid: Ein Monoaminooxidase-Hemmer (RIMA), der den Abbau von Neurotransmittern wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin verhindert. Dies kann die Stimmung verbessern, jedoch kann es auch zu Unruhe und einem Blutdruckanstieg führen. 

Gut zu wissen

Wiederaufnahmehemmer verhindern, dass Neurotransmitter wie Serotonin (reguliert Stimmung und Schlaf), Noradrenalin (steigert Aufmerksamkeit und Energie) und Dopamin (fördert Motivation und Belohnungsempfinden) nach ihrer Freisetzung aus der Nervenzelle wieder in diese Zelle zurücktransportiert werden. Stattdessen bleiben die Neurotransmitter im synaptischen Spalt – dem Raum zwischen zwei Nervenzellen – länger aktiv. Dort können sie weiter an die Rezeptoren der nächsten Nervenzelle andocken und ihre Wirkung entfalten, was zur Verbesserung der Stimmung und anderer Symptome beitragen kann. 

Darmstörungen bei MS 

Darmstörungen treten bei MS-Patient:innen häufig auf, weil die Krankheit Nervenbahnen beeinträchtigt, die die Darmfunktion steuern. Die Hauptbeschwerden sind Verstopfung und Stuhlinkontinenz, die auch im Wechsel auftreten können: 

  • Verstopfung: Diese entsteht meist durch eine gestörte Transportfunktion des Darms und wird oft durch geringe Flüssigkeitszufuhr, Bewegungsmangel oder bestimmte Medikamente verstärkt. Nicht-medikamentöse Ansätze umfassen ausreichendes Trinken (ca. 2 Liter täglich), ballaststoffreiche Ernährung, regelmäßige Bewegung, Kolon-Massagen und ab und zu  Klistiere zur Darmreinigung. Medikamentös können osmotisch wirkende Abführmittel wie Lactulose und Macrogol helfen, die Wasser in den Darm ziehen und den Stuhl weicher machen. Glycerin-Zäpfchen erweichen den Stuhl und fördern die Darmaktivität. 

  • Stuhlinkontinenz: Diese wird oft durch einen schlaffen Schließmuskel oder gestörte Sensibilität des Enddarms verursacht. Zur Behandlung sollten blähende Lebensmittel vermieden und regelmäßige, gezielte Darmentleerungen durchgeführt werden, beispielsweise durch Klistiere oder transanale Irrigation (TAI), bei der Wasser in den Darm eingeführt wird, um eine vollständige Darmentleerung zu bewirken. Medikamentös kann medizinische Kohle eingesetzt werden, die Flüssigkeiten im Darm bindet und die Stuhlkonsistenz verbessert. 

Ataxie & Tremor bei MS

Ataxie ist eine Bewegungsstörung, die durch Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme gekennzeichnet ist. Bei Personen mit MS können feinmotorische Bewegungen, wie das Greifen eines Glases oder das Zähneputzen, eingeschränkt sein. Tremor bezeichnet ein Zittern, das gleichmäßig auftreten kann und ebenfalls bei MS häufig vorkommt. Diese Symptome entstehen durch Schäden in den motorischen Nervenbahnen, die für die Bewegungssteuerung verantwortlich sind. 

Das Ziel der Therapie ist die Selbstständigkeit und Berufsfähigkeit zu erhalten: 

  • Nicht-medikamentöse Therapie: Die Basis-Therapie umfasst eine intensive Physiotherapie zur Verbesserung von Bewegungskoordination und Gleichgewicht, oft in Kombination mit Ergotherapie. Ergänzend können Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder progressive Muskelentspannung hilfreich sein. Hilfsmittel wie Gehstöcke, Rollatoren und spezielles Besteck erleichtern den Alltag. Eisanwendungen, wie Kältekompressen, können vorübergehend die Bewegungsstörungen (Ataxie) der Arme verbessern. 

  • Clonazepam: Ein Beruhigungsmittel, das das zentrale Nervensystem entspannt und dadurch Zittern (Tremor) verringern kann. Es gehört zur Gruppe der Benzodiazepine und wirkt beruhigend auf den Körper. 

  • Propranolol: Ein Medikament, das ursprünglich zur Behandlung von Herzproblemen entwickelt wurde. Es gehört zu den Beta-Blockern und kann durch seine Wirkung auf das zentrale Nervensystem Zittern reduzieren. 

  • Primidon und Topiramat: Diese Medikamente sind Antiepileptika, das heißt, sie werden normalerweise zur Behandlung von Krampfanfällen eingesetzt. Sie können jedoch auch helfen, Zittern zu mindern, indem sie die Überaktivität der Nerven im Gehirn dämpfen. 

  • Ondansetron: Ein Medikament, das ursprünglich entwickelt wurde, um Übelkeit zu verhindern. Es hat sich jedoch gezeigt, dass es auch bei der Behandlung von Zittern wirksam sein kann. 

Paroxysmale Symptome und epileptische Anfälle bei MS 

Paroxysmale Symptome und epileptische Anfälle sind neurologische Probleme, die bei MS auftreten können. Beide entstehen durch plötzliche, abnormale Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. 

Paroxysmale Symptome sind kurze, plötzlich auftretende Beschwerden wie Schmerzen, Gefühlsstörungen oder Bewegungsprobleme, die durch Reize wie Bewegung, Sprache oder Temperaturwechsel ausgelöst werden können. Ein häufiges Symptom ist die Trigeminusneuralgie, die starke Schmerzen im Gesicht verursacht. In schweren Fällen von Trigeminusneuralgie können auch spezielle Operationen durchgeführt werden. 

Epileptische Anfälle entstehen, wenn viele Nervenzellen im Gehirn gleichzeitig entladen, was zu Anfällen führt, die von leichten Zuckungen bis zu schweren Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlust reichen. Diese Anfälle sind eine Folge der durch MS verursachten Hirnschäden. Außer Medikamenten sind Schlaf, Vermeidung von Flackerlicht und moderater Alkoholkonsum ebenfalls wichtig, um das Risiko von Anfällen zu verringern. 

Gemeinsame medikamentöse Behandlungen für paroxysmale Symptome und epileptische Anfälle: 

  • Carbamazepin und Gabapentin: Diese Medikamente reduzieren die Erregbarkeit der Nervenzellen und helfen, sowohl paroxysmale Symptome als auch epileptische Anfälle zu lindern. 
  • Lamotrigin: Stabilisiert die elektrische Aktivität der Nervenzellen und verhindert dadurch beide Arten von Symptomen. 
  • Oxcarbazepin: Wirkt ähnlich wie Carbamazepin, senkt die Erregbarkeit der Nervenzellen und wird zur Vorbeugung von epileptischen Anfällen verwendet. 
  • 4-Aminopyridin: Verbessert die Nervenfunktion und kann bei Temperatur-Empfindlichkeit, besonders bei paroxysmalen Symptomen, hilfreich sein. 
  • Valproinsäure: Erhöht die Konzentration eines beruhigenden Botenstoffs im Gehirn (GABA) und hilft, epileptische Anfälle zu verhindern. 
  • Levetiracetam: Ein Antikonvulsivum, das die Reizübertragung zwischen den Nerven beeinflusst und zur Behandlung von epileptischen Anfällen eingesetzt wird. 
  • Topiramat: Reduziert die Übererregbarkeit der Nervenzellen und wird ebenfalls zur Vorbeugung von epileptischen Anfällen verwendet. 

Schluckstörungen bei MS 

Schluckstörungen entstehen bei MS, weil die Erkrankung die Nervenbahnen im zentralen Nervensystem beeinträchtigt, die den komplexen Schluckvorgang steuern, an dem 25 Muskeln beteiligt sind. Dies kann zu wiederholtem Husten und Erstickungsanfällen während des Essens und Trinkens, Rückfluss von Nahrung in die Nase, vermehrtem Speichelfluss, einer gurgelnden Stimme nach dem Essen oder einem Fremdkörpergefühl im Hals führen. Schluckstörungen können zu Mangelernährung und Dehydrierung führen und das Risiko von Lungenproblemen erhöhen, wenn Essen oder Flüssigkeit in die Lunge gelangt. 

Bei Schluckstörungen zielt die Therapie darauf ab, eine sichere Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme zu gewährleisten, Verschlucken und Mangelernährung zu vermeiden. Hierfür stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung: 

  • Funktionstraining: Dazu gehören Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit und Kraft von Zunge und Lippen, die Stimulationen von Mund und Zunge durch Berührung oder Reize, Kältereize zur Auslösung des Schluckreflexes sowie Stimm-, Sprech- und Atemübungen zur Unterstützung der Schluckfähigkeit.  

  • Verhaltensmaßnahmen: Diese umfassen eine aufrechte Sitzposition, gezieltes Schlucken mit Nachräuspern und Nachschlucken, eine Anpassung der Nahrungsform (z. B. Brei) und den Einsatz von Ess- und Trinkhilfen. 

  • Ernährungssonden: In schweren Fällen können diese durch die Bauchdecke gelegt werden, um eine ausreichende Ernährung sicherzustellen. Diese Maßnahme ist reversibel und kann bei Besserung der Schluckstörung wieder entfernt werden. 

  • Medikamentöse Therapie: Diese spielt in der Behandlung von Schluckstörungen kaum eine Rolle. Bei ausgeprägtem Speichelfluss können jedoch anticholinerge Medikamente wie Amitriptylin oder Injektionen von Botulinumtoxin in die Speicheldrüsen hilfreich sein.  

Sprechstörungen bei MS 

MS-bedingte Sprechstörungen entstehen durch die gestörte Koordination der Muskeln und Organe, die für das Sprechen notwendig sind. Diese Störungen können von kaum merklich bis hin zu komplett unverständlicher Sprache reichen. Sie äußern sich durch Probleme bei Lautstärke, Tonhöhe, Sprechgeschwindigkeit, raue Stimme sowie Artikulations- und Betonungsschwierigkeiten. Im Gegensatz zu Sprachstörungen sind der Wortschatz und das Sprachverständnis bei Sprechstörungen nicht beeinträchtigt.  

Wenn nur die Artikulation betroffen ist, spricht man von Dysarthrie; wenn auch Stimme und Atmung betroffen sind, von Dysarthrophonie. Diese Störungen treten häufig im späteren Verlauf der MS auf und sind oft mit Schluckstörungen und Ataxie verbunden. In beiden Fällen sind die Therapieziele die Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit und Atmungskoordination sowie die Vermeidung sozialer Isolation. Die nicht-medikamentöse Therapie wirkt dabei am effektivsten und besteht aus: 

  • Logopädie: Diese umfasst Übungen zur Steuerung der Sprechgeschwindigkeit und Stimmlage, Verwendung kurzer Sätze und Verbesserung der Körperhaltung. 

  • Entspannungstechniken: Yoga und andere Entspannungsmethoden helfen, Hektik, Stress und Anspannung zu reduzieren, die sich negativ auf Sprechstörungen auswirken können. 

  • Nonverbale Kommunikation: Diese beinhaltet das Training von Mimik und Gesten sowie den Einsatz von Hilfsmitteln wie Buchstaben- und Bildtafeln oder komplexen Computern mit Sprachausgabe. 

Die medikamentöse Therapie ist in der Regel nicht hilfreich. Medikamente zur Spastik-Behandlung können in manchen Fällen die Sprechstörungen sogar verstärken. 

Sexualstörungen bei MS 

Sexuelle Störungen sind bei MS häufig, wobei Männer öfter betroffen sind als Frauen. Diese Probleme können direkt durch Nervenschäden im Rückenmark oder als Folge anderer MS-Symptome wie Spastiken, Muskelschwäche oder Blasenprobleme auftreten. Psychische Belastungen und Beziehungskonflikte können die Situation zusätzlich verschärfen. In solchen Fällen können nicht-medikamentöse Ansätze wie Gesprächs- und Paartherapien helfen, partnerschaftliche Konflikte zu lösen, falsche Erwartungen zu korrigieren und Ängste abzubauen. 

Auf der körperlichen Ebene leiden Männer oft unter Erektionsstörungen, während Frauen Empfindungsstörungen und Schmerzen im Genitalbereich erfahren. Auch Nebenwirkungen bestimmter Medikamente können die Libido senken. In diesen Fällen können folgende Maßnahmen ergriffen werden: 

  • Erektionsstörungen bei Männern werden mit Phosphodiesterase-Hemmern wie Sildenafil, Vardenafil und Tadalafil behandelt. Diese Medikamente fördern die Durchblutung der Schwellkörper des Penis, sodass eine Erektion entstehen kann. Yohimbin kann bei psychisch bedingten Erektionsstörungen hilfreich sein, da es auf das vegetative Nervensystem wirkt, obwohl die genaue Wirkweise noch nicht vollständig erforscht ist. 

  • Bei Empfindungsstörungen bei Frauen kann ein Hormonpräparat wie Tibolon helfen, da es einen Mangel an Sexualhormonen ausgleicht. 

  • Einige Medikamente zur Behandlung von psychischen Erkrankungen, wie bestimmte Antidepressiva und Beruhigungsmittel, sowie Medikamente gegen Bluthochdruck können die sexuelle Funktion beeinträchtigen. Diese sollten überprüft und möglicherweise durch andere ersetzt werden, um negative Auswirkungen auf die Sexualfunktion zu verringern.

  • Weitere MS-Symptome, die die Sexualität stören, wie Spastiken und Blasenprobleme, müssen behandelt werden. 

Viele dieser Medikamente können mit anderen Arzneimitteln wechselwirken, insbesondere bei bestehenden Leber-, Herz- oder Kreislaufproblemen. Nutzen Sie unseren kostenlosen Wechselwirkungscheck, um mögliche Wechselwirkungen zu erkennen, oder sprechen Sie mit unserem kompetenten Pharmaziepersonal über mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen. 

Geprüft durch unser pharmazeutisches Team

Felix Hoffman, pharmazeutischer Experte

„An der Pharmazie fasziniert mich am meisten, wie alles zusammenspielt. Von Zusammenhängen im Stoffwechsel hin zur Einnahme von Medikamenten. Wer sich damit auskennt, kann sein Leben positiv beeinflussen.“ 

Felix Hoffmann lebt für die Pharmazie und bringt eine große Expertise in der Beratung mit. Mit seinem fundierten Wissen garantiert er die hohen Qualitätsstandards der pharmazeutischen Inhalte auf apo.com. 

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