Haben Sie ständig Schmerzen und wissen nicht, warum? Etwa ein Drittel der Deutschen ist von chronischen Schmerzen betroffen. Chronische Schmerzen können das alltägliche Leben mitunter beeinträchtigen – aber es gibt Wege, damit umzugehen. Erfahren Sie, welche Ursachen hinter dauerhaften Schmerzen stecken können, wie Sie sie effektiv behandeln und wie Sie trotz Schmerzen Ihren Alltag meistern können.
Das Wichtigste in Kürze
- Chronische Schmerzen sind eigenständige Krankheiten, die länger als 3-6 Monate andauern und körperliche, kognitive und soziale Beeinträchtigungen verursachen können.
- Chronische Schmerzen entstehen durch wiederholte Schmerzreize, die ein Schmerzgedächtnis bilden und die Schmerzschwelle senken, wodurch schon leichte Reize Schmerzen verursachen können.
- Häufige chronische Schmerzformen sind unter anderem Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Nervenschmerzen.
- Risikofaktoren für chronische Schmerzen sind ein Zusammenspiel von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren.
- Die Behandlung chronischer Schmerzen erfordert einen multimodalen Ansatz, der medikamentöse und komplementäre Therapien kombiniert.
Was sind chronische Schmerzen?
Chronische Schmerzen sind Schmerzen, die über einen längeren Zeitraum andauern oder immer wieder auftreten. Diese Schmerzen können körperliche (Bewegungseinschränkungen), kognitive (Stimmung, Denken) und soziale Beeinträchtigungen verursachen. Im Unterschied zu akuten Schmerzen, die als Warnsignal des Körpers dienen, haben chronische Schmerzen ihre Alarmsignal-Funktion verloren und gelten als eigenständige Krankheit. Aktuelle Studien der Deutschen Schmerzgesellschaft (DSG) und der Deutschen Gesellschaft für Schmerz- und Palliativmedizin (DGS) zeigen:
- 23 Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen.
- 6 Millionen Menschen sind durch ihre Schmerzen im Alltag eingeschränkt.
- 3,4 Millionen sind schwer schmerzkrank.
- Bei 2,2 Millionen hat sich der Schmerz zu einer komplexen, eigenständigen psychosozialen Erkrankung entwickelt.
Ab wann spricht man von chronischen Schmerzen?
Schmerzen gelten als chronisch, wenn sie länger als drei bis sechs Monate bestehen. Die Übergangsphase von akuten zu chronischen Schmerzen wird als Chronifizierung bezeichnet. Wiederholte Schmerzreize lassen die Nervenzellen empfindlicher werden und die Schmerzschwelle sinken. Dies führt zu einem sogenannten Schmerzgedächtnis, bei dem schon leichte Reize oder Berührungen Schmerzen verursachen können, obwohl die ursprüngliche Ursache bereits verschwunden ist.
Gut zu wissen
Chronische Schmerzen sollten immer ernst genommen werden. Suchen Sie einen Arzt oder eine Ärztin auf, wenn Schmerzen länger als drei Monate anhalten oder trotz Behandlung bestehen bleiben oder schlimmer werden. Auch wenn zusätzliche Symptome wie Depressionen oder erhebliche Bewegungseinschränkungen auftreten oder die Schmerzen das tägliche stark Leben beeinträchtigen, ist ein Arztbesuch ratsam. In der Regel wird eine umfassende Anamnese durchgeführt und es werden gegebenenfalls weitere diagnostische Tests veranlasst, um die Ursache der Schmerzen zu identifizieren und eine passende Behandlung einzuleiten.
Häufige chronische Schmerzformen
Es gibt verschiedene Arten von chronischen Schmerzen. Zu den häufigsten gehören:
Kopfschmerzen: Chronische Migräne und Spannungskopfschmerzen sind weit verbreitet. Migräne ist ein intensiver, pulsierender Schmerz, oft begleitet von Übelkeit und Lichtempfindlichkeit. Spannungskopfschmerzen äußern sich durch einen dumpfen, drückenden Schmerz, der sich wie ein enger Ring um den Kopf anfühlt. Erfahren Sie mehr über die verschiedenen Arten und Symptome von Kopfschmerzen.
Rückenschmerzen: Chronische Kreuzschmerzen können durch schlechte Haltung, Verletzungen oder degenerative Erkrankungen wie Bandscheibenvorfälle verursacht werden. Lesen Sie hier wertvolle Tipps für Schmerzen im unteren Rücken.
Muskelschmerzen: Fibromyalgie ist eine chronische Schmerzerkrankung, die Muskeln und Weichteile betrifft und oft mit Müdigkeit und Schlafstörungen einhergeht. Betroffene Personen leiden diffusen Schmerzen und einer erhöhten Druckempfindlichkeit an verschiedenen Körperstellen.
Gelenkschmerzen: Chronische Erkrankungen wie Arthrose und rheumatoide Arthritis verursachen chronische Gelenkschmerzen. Arthrose entsteht durch den Verschleiß und die Abnutzung der Gelenke, was zu Schmerzen und Steifheit führt. Rheumatoide Arthritis ist eine entzündliche Erkrankung, bei der das Immunsystem die Gelenke angreift und Entzündungen verursacht, die wiederum Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen hervorrufen.
Nervenschmerzen: Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigungen der Nerven, wie bei Diabetes mellitus oder nach einer Gürtelrose. Gürtelrose, auch Herpes Zoster genannt, ist eine Virusinfektion, die durch das Varizella-Zoster-Virus verursacht wird – das gleiche Virus, das auch Windpocken verursacht.
Tumorschmerzen: Hierbei handelt es sich um Schmerzen, die durch Krebs oder dessen Behandlung verursacht werden.
Magen-/Darmschmerzen: Das Reizdarmsyndrom und andere gastrointestinale Störungen können chronische Bauchschmerzen verursachen.
Somatoforme Schmerzstörung: Auch als Seelenschmerzen bekannt, sind Schmerzen in verschiedenen Körperregionen, für die keine körperliche Ursache gefunden wird.
Phantomschmerzen: Phantomschmerzen sind Schmerzen, die in einem amputierten bzw. chirurgisch entfernten Körperteil empfunden werden. Obwohl das Körperteil nicht mehr vorhanden ist, sendet das Nervensystem weiterhin Schmerzsignale.
Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS): Eine schwerwiegende, chronische Erkrankung, die nach Verletzungen auftritt und starke Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen verursacht.
Restless-Legs-Syndrom (RLS): Eine neurologische Erkrankung, die unangenehme Empfindungen und Schmerzen in den Beinen verursacht, besonders nachts.
Risikofaktoren
Ein chronisches Schmerzsyndrom kann durch zahlreiche Risikofaktoren begünstigt werden. Zu Beginn gibt es oft eine biologische oder physiologische Ursache, wie die oben genannten Verletzungen oder Erkrankungen. Doch chronische Schmerzen werden oft durch ein Zusammenspiel von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren beeinflusst – ein sogenanntes biopsychosoziales Modell.
Psychische Faktoren wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) können chronische Schmerzen verstärken oder sogar auslösen. Die Psyche spielt eine große Rolle bei der Schmerzwahrnehmung und kann Schmerzen intensivieren oder vermindern, abhängig vom emotionalen Zustand.
Soziale Faktoren wie Stress, familiäre Konflikte, berufliche Probleme oder finanzielle Schwierigkeiten können die Schmerzempfindung negativ beeinflussen. Soziale Unterstützung und ein stabiles Umfeld sind wichtig, um die Schmerzwahrnehmung positiv zu beeinflussen.
Durch das Zusammenspiel dieser drei Bereiche – biologisch, psychisch und sozial – entsteht ein komplexes Gefüge, das die Intensität und das Erleben von Schmerzen maßgeblich beeinflusst. Eine ganzheitliche Betrachtung und Behandlung, die alle drei Aspekte berücksichtigt, ist daher entscheidend für eine erfolgreiche Schmerzbewältigung.

Medikamentöse und komplementäre Therapie
Die Behandlung chronischer Schmerzen erfordert einen multimodalen Ansatz, der verschiedene Therapieformen kombiniert. Multimodal bedeutet, dass mehrere Behandlungsansätze gleichzeitig angewendet werden, um eine bestmögliche Schmerzlinderung zu erreichen. Dazu gehören sowohl medikamentöse als auch komplementäre Therapien.
Bei der Behandlung von chronischen Schmerzen liegt die Therapie der Ursache im Vordergrund. Für die Schmerzbehandlung selbst gibt es neben physiotherapeutischen Ansätzen auch die medikamentöse Behandlung mit klassischen Schmerzmitteln und die komplementären Therapien wie Akupunktur.
Medikamentöse Behandlung
Medikamente spielen eine zentrale Rolle bei der Schmerzbehandlung. Zu den häufig verwendeten Medikamenten gehören:
Analgetika: Dies sind Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Paracetamol und Ibuprofen, die ohne Rezept in der Apotheke erhältlich sind. Sie helfen, leichte bis mäßige Schmerzen zu lindern und können auch entzündungshemmend wirken. Paracetamol wird oft bei Kopfschmerzen und leichten Gelenkschmerzen verwendet, während Ibuprofen zusätzlich entzündungshemmende Eigenschaften hat und häufig bei Rückenschmerzen und Entzündungen eingesetzt wird.
Opioide: Dies sind verschreibungspflichtige starke Schmerzmittel für schwere Fälle, wie bei Tumorschmerzen oder nach größeren Operationen, wie zum Beispiel Morphin und Oxycodon. Opioide sind sehr wirksam, aber sie haben ein hohes Risiko, eine Abhängigkeit zu erzeugen und müssen daher unter strenger ärztlicher Aufsicht eingenommen werden.
Antidepressiva und Antikonvulsiva: Ursprünglich für die Behandlung von Depressionen bzw. Epilepsie entwickelt, haben sich diese Medikamente auch als wirksam bei der Behandlung von chronischen Schmerzen erwiesen. Antidepressiva wie Amitriptylin und Duloxetin können Schmerzen lindern, indem sie die Schmerzsignale im Gehirn beeinflussen. Antikonvulsiva wie Gabapentin und Pregabalin helfen bei neuropathischen Schmerzen, indem sie die Nervenaktivität stabilisieren.
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Komplementäre Therapien
Komplementäre Behandlungsmethoden ergänzen die schulmedizinische Therapie und können helfen, Schmerzen zu lindern. Dazu gehören:
Akupunktur: Bei dieser traditionellen chinesischen Methode werden feine Nadeln verwendet, die an bestimmten Punkten des Körpers platziert werden. Sie soll den Energiefluss im Körper harmonisieren und dadurch Schmerzen lindern.
Entspannungstechniken: Techniken wie autogenes Training, Yoga, progressive Muskelentspannung und Achtsamkeitstraining können helfen, den Stress zu reduzieren, der oft mit chronischen Schmerzen einhergeht. Autogenes Training basiert auf einer Selbsthypnose, um die Entspannung zu fördern. Yoga kombiniert Körperhaltungen, Atmung und Meditation, um Geist und Körper zu beruhigen. Die progressive Muskelentspannung konzentriert sich auf das systematische An- und Entspannen von Muskelgruppen, während Achtsamkeitstraining hilft, im Moment präsent zu sein und negative Gedankenmuster zu durchbrechen.
Osteopathie: Diese ganzheitliche manuelle Therapie behandelt Funktionsstörungen im Körper durch gezielte Handgriffe und Mobilisationstechniken. Ziel ist es, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren und das Gleichgewicht der Strukturen und Funktionen im Körper wiederherzustellen.
Magnetfeldtherapie: Bei dieser Methode werden Magnetfelder verwendet, um Schmerzen zu lindern und die Heilung zu fördern. Die Magnetfelder sollen die Durchblutung verbessern und Entzündungen reduzieren.
Gut zu wissen
Die medikamentöse Schmerztherapie sollte nur als temporäre Lösung betrachtet werden. Sie sollte eng mit nicht-medikamentösen Maßnahmen verknüpft sein und klar definierte Therapieziele haben. Bei fehlendem Erfolg der medikamentösen Therapie oder bei Erreichen der Therapieziele sollte eine Überprüfung und mögliche Anpassung erfolgen. Es ist wichtig, individuelle Behandlungspläne zu erstellen und regelmäßige Termine zur Überwachung und Anpassung der Therapie zu vereinbaren. Zudem sollten nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Bewegung, Entspannungstechniken und Selbstmanagement-Strategien als erste Wahl betrachtet werden.
Fazit
Chronische Schmerzen sind eine komplexe und belastende Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Eine umfassende Diagnose und ein kompletter Behandlungsansatz sind entscheidend, um die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Mit der richtigen Unterstützung und effektiven Bewältigungsstrategien können Betroffene lernen, besser mit ihren Schmerzen zu leben.
- https://link.springer.com/article/10.1007/s00482-019-0375-1
- https://www.schmerzgesellschaft.de/patienteninformationen/herausforderung-schmerz/chronische-schmerzen
- https://schmerzliga.de/schmerztherapie/
- https://www.netdoktor.de/symptome/chronische-schmerzen/
- AWMF-Leitlinien zur Schmerzbegutachtung
- https://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/DEGAM-S1-Handlungsempfehlung/053-036-chronische-nicht-tumorbedingte-schmerzen/oeffentlich/degam_ll_chron_schmerz_s1_lang_12_2023.pdf
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